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Schnapsidee

Verschiedene Anekdoten konkurrieren darum zu erklären, warum es im Englischen ausgerechnet »Dutch Courage« heißt, wenn sich jemand Mut antrinkt.

Wurde dieser Mut in den Englisch-Niederländischen Seekriegen benötigt oder schon im Dreißigjährigen Krieg?

In Friedenszeiten lösen bereits ungefährliche Herausforderungen den Griff zur Flasche aus. Ein Gespräch in einer Fremdsprache beispielsweise. Wer will schon herumstottern und sich blamieren? Obwohl Betrunkene eher mit schwerer Zunge sprechen, scheint es der Alkoholkonsum leichter zu machen, in fremden Zungen zu reden.

Gleichzeitig neigen Alkoholisierte zur Selbstüberschätzung und glauben möglicherweise nur an die eigene Eloquenz in der Fremdsprache. Dann wäre Dutch Courage in Wirklichkeit Dutch Hybris.

Wo ließe sich das besser erforschen als in den Niederlanden: Fritz Renner und seine Kolleg*innen servierten deutschsprachigen Studierenden an der Universität Maastricht ausreichend Alkohol bis zu einem Blutalkoholgehalt von 0,4 Promille. Anschließend sollten sie auf Niederländisch für oder gegen Tierversuche argumentieren. Ihr Sprachvermögen wurde von ihnen selbst und von Muttersprachler*innen bewertet.

Die Selbsteinschätzung hat der Alkohol nicht beeinflusst. In der Fremdeinschätzung schnitten die Angetrunkenen jedoch besser ab als die nüchternen Kontrollpersonen.

Am Versuch beteiligte sich eine homogene Gruppe: Deutsche Muttersprachler*innen mit Niederländisch als Fremdsprache. Unklar ist, welchen Einfluss größere Alkoholmengen hätten und ob anderssprachige Versuchspersonen ähnlich abschneiden würden.

Beim Fremdsprachenlernen ist es ihr Perfektionismus, der viele Schüler*innen hemmt und am Sprechen hindert. Der Sprachdidaktiker Robert Kleinschroth schreibt, dass Lehrer an internationalen Sprachinstituten sogar von der »typisch deutschen Angst vor dem Fehler« sprechen. Diese beinhaltet oft den Verzicht, Fremdsprachenkenntnisse anzuwenden und durch Übung auszubauen. Doch zum Glück kann nicht nur Alkohol den Mut zum Fehler erhöhen.

Viktor Frankl prägte den Begriff »Hyperreflexion«: Die übertriebene Selbstbeobachtung führe zur Verkrampfung. Sein Lösungsvorschlag klingt kompliziert, ist aber ebenso einfach wie wirkungsvoll: Durch die »Dereflexion« wird die Aufmerksamkeit auf Sinnvolleres gelenkt als die eigenen Fehler.

Ob »Tierversuch« auf Niederländisch »de dierproef« oder »het dierproef« heißt, interessiert die Tiere nicht, für deren Rechte sich die Sprecher*innen einsetzen. Sobald die Tierrechte im Fokus stehen und nicht die eigenen Sprachkenntnisse, werden diese paradoxerweise besser. Ganz ohne Schnapsje. Proost!

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