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kreatives Schreiben

»Lesen und Schreiben lernt man durch Lesen und Schreiben«, sagt Petra Küspert vom wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbandes für Legasthenie und Dyskalkulie.

Seit 1988 fördert die »Stiftung Lesen« mit Forschungs- und Modellprojekten das Lesen. Eine »Stiftung Schreiben« gibt es nicht, jedoch eine Schreibbewegung. Mitbegründer war der Soziologe Lutz von Werder: »Der Schreibbewegung war dabei klar, dass Kreatives Schreiben als Unterhaltung, Selbstverständigung, Selbsttherapie ebenso nützlich ist wie zur Aneignung von Schreib-Handwerkszeug. Sie ging davon aus, dass in einer demokratischen Gesellschaft nicht nur eine kleine Genie-Elite schreiben dürfe.«

Die Schriftstellerin Doris Dörrie glaubt, dass »jedes Schreiben in einem gewissen Maß kreativ ist, selbst das Schreiben von Einkaufslisten.« Eine Definition von Lutz von Werder lautet dagegen: »Kreatives Schreiben soll das Schreiben genannt werden, das einmal für den einzelnen eine Entfaltung neuer Ausdrucksmöglichkeiten, Kommunikationsformen und neue Formen der Selbsterkenntnis mit sich bringt.« Er unterscheidet zwischen dem kreativen Schreiben als Stilaneignung, als Spiel, als Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung. »Schreiben kann also Vergessenes wieder in Erinnerung rufen, Wiederbegegnung mit sich selbst bewirken, dadurch tatsächlich Selbsterkenntnis fördern.«

Für den Schweizer Kognitionspsychologen Hans Aebli wird der schriftliche Ausdruck nicht nur zum Medium der Selbsterkenntnis, sondern auch zur Erkenntnis der Umwelt und zum Kommunikationsmittel mit anderen. »Die klare logische Gliederung geschriebener Texte hat zur Folge, dass ihr Erkenntniswert auch für den Verfasser größer ist, als wenn er die gleiche Sache nur mündlich vorträgt, und dass er sie besser behält. Darum gibt es kein besseres Mittel für den Erwachsenen wie für den Schüler, sich eine Sache klarzumachen, als sie schriftlich darzustellen.«

Zur Zielgruppe des kreativen Schreibens gehören alle, die schreiben können, während des Schulbesuchs und danach. Lutz von Werder beobachtete: »Der durchschnittliche Deutschlehrer ist nicht ›schreibbewegt‹, ist kein gewohnheitsmäßiger Teilnehmer von Workshops zum kreativen Schreiben. Er ist durch Studium und Ausbildung vor allem auf ›Interpretation‹ von literarischen Texten gerichtet.«

Die mögliche Folge: »Eine beherrschende Idee, z.B. was Literatur sein soll und welches Niveau sie haben sollte, kann ein Schreibhindernis werden statt zum Schreiben motivieren. Gerade durch die Orientierung des Schulunterrichts an der Hochliteratur erwirbt jeder Schulabsolvent ein literarisches Minderwertigkeitsgefühl und ein rigides, d.h. strenges literarisches Über-Ich.«

Auch der Schriftsteller Jürgen vom Scheidt warnt vor der Zerstörung der Schreibkreativität durch den Deutschunterricht: Der Anspruch, fehlerlos zu schreiben, stelle die Form über den Inhalt, die Orientierung an Lernzielen grenze spielerische Fantasie aus und das Unterrichtstempo verbiete kreative Muße.

In seinem Lehrbuch »Kognitive Psychologie« rät John Robert Anderson, beim ersten Entwurf die Form zu vernachlässigen: »Beim Schreiben sollte man nicht am Stil und Syntax herumfeilen, solange man den ersten Entwurf erstellt. Der Inhalt sollte beim Erstentwurf im Zentrum stehen. Über den Stil kann man sich dann bei der Überarbeitung Gedanken machen.«

Drastischer drücken es die »Schreibdilettanten« Axel Hollmann und Marcus Johanus aus: »Der erste Entwurf ist Mist!« Das bedeutet: »Kümmern Sie sich nicht um Rechtschreibung und Grammatik. Ignorieren Sie auch alle anderen Fehler, die Ihnen auffallen. Schreiben Sie und lassen Sie sich durch nichts beirren, bis Sie das magische Wort ENDE unter Ihr Manuskript gesetzt haben.«

ENDE

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