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Ostereierdidaktik

Was macht guten Unterricht aus? Eine anspruchsvolle Frage, die der Professor für Wirtschaftspädagogik Georg Neuweg ungefähr so beantworten würde: Lehrende wissen etwas, was Lernende noch nicht wissen, aber wissen wollen oder wissen sollen.

Durch guten Unterricht lernen sie diese Inhalte wirkungsvoll, nachhaltig und zeitökonomisch. Das klingt zwar nach passivem Wissenskonsum, kann jedoch ausgesprochen aktiv sein – auch wenn sich das aktive Mitdenken nicht beobachten lässt.

Die provokative These: Handlungsorientierter Unterricht ist nicht unbedingt hirnorientiert. Für das sogenannte selbstentdeckende Lernen prägte Georg Neuweg den ebenso anschaulichen wie farbenfrohen Begriff »Ostereierdidaktik«: Lehrende verstecken den Lernstoff wie Ostereier, und die Schüler*innen müssen ihn suchen.

Zwar kommt es gelegentlich zu überraschenden eigenen Entdeckungen, wenn der Schüler beispielsweise Carl Friedrich Gauß heißt: »Durch angestrengtes Nachdenken glückte es mir bei einem Ferienaufenthalt am Morgen des 29. März 1796 (ehe ich aus dem Bette aufgestanden war), diesen Zusammenhang auf das Klarste anzuschauen, so daß ich die spezielle Anwendung auf das 17-Eck und die numerische Bestätigung auf der Stelle machen konnte.«

Nicht nur für 17-Ecke interessierte sich Herr Gauß, sondern entwickelte auch die nach ihm benannte Gaußsche Osterformel. Mit ihr lässt sich berechnen, dass im Jahr 1796 Ostern auf den 27. März fiel. Trotzdem war es nicht bloß ein übrig gebliebenes Didaktik-Osterei, das der achtzehnjährige Carl Friedrich entdeckte, denn seit Euklids Zeit hatten sich Mathematiker*innen erfolglos bemüht, ein 17-Eck zu konstruieren. Solche Sternstunden sind jedoch so selten, dass die Welt etwa 2000 Jahre darauf warten musste. Zeitökonomisch ist das jedenfalls nicht.

»Das charakteristischste Merkmal menschlicher Kultur ist die Tatsache, dass die gesammelten Entdeckungen von Jahrtausenden nicht von jeder Generation aufs Neue entdeckt werden müssen. Probieren Sie es aus: Streichen Sie alle Lehrervorträge und ersetzen Sie sie durch Diskussionen, Gruppenarbeiten, Rollenspiele, Planspiele.« Spätestens an dieser Stelle sollte Professor Neuweg in Deckung gehen und sich vor den Ostereiern verstecken, die von überzeugten Ostereierdidaktiker*innen nach ihm geworfen werden. Sie wollen lieber fachunabhängige Schlüsselkompetenzen vermitteln als Fachwissen. Doch »so wie man ohne Wolle nicht stricken kann, so kann man ohne Inhalte nicht denken.« (Georg Neuweg)

Der Psychologieprofessor Todd Kashdan beschreibt in seinem Buch »Curious?« den Einfluss der Neugier auf das Lernen. Wolle spielt auch in seinem Beispiel eine Rolle, allerdings nicht beim Stricken, sondern beim Häkeln. Todd Kashdan bat Versuchspersonen, etwas Ungewöhnliches auszuprobieren, was nicht zu ihren Interessen gehörte, und dazu drei neue Erkenntnisse aufzuschreiben.

Ein achtzehnjähriger Bodybuilder entschied sich für einen Häkelkurs und stellte dabei fest, dass das Häkeln anstrengender für die Finger war als gedacht, so meditativ, dass die Zeit schnell verging und dass er Flip-Flops häkeln konnte, wenn die Stiche eng genug beieinander lagen. All das entdeckte er offensichtlich selbst.

Die Häkeltechnik wurde ihm beigebracht, und auch die Wolle bekam er gestellt. Doch die Unvoreingenommenheit brachte er selbst mit, und sie verhalf ihm zu eigenen Erkenntnissen, stärkeren Fingermuskeln und neuen Flip-Flops. Das Färben und Bemalen von Ostereiern ist übrigens ebenfalls meditativ und stärkt die Fingermuskeln.

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