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Lernmaterial

Erfolgscoaches locken mit passivem Einkommen ohne zu arbeiten. Lerncoaches treten ähnlich großspurig auf und prahlen, ein Kind mit Matheschwierigkeiten wird dank ihrer Methode »Mathematik lieben« und nur noch gute Noten schreiben. Ganz mühelos.

Das versprach bereits im Jahr 1647 der Nürnberger Trichter. Seitdem wurde dieser Zaubertrichter häufig angekündigt, doch es gibt ihn noch immer nicht… Bis heute?

Immer wieder wird ein »innovativer Ansatz« angepriesen, der alle Lernschwierigkeiten spielend beseitigt. Der Markt für solche Verlockungen ist groß.

Regelmäßig wird der Mathematikdidaktiker Michael Gaidoschik nach dem Nürnberger Trichter 2.0 gefragt: »›Welches Material soll man verwenden?‹ gehört zu den häufigsten Fragen, die mir von Lehrerinnen und Eltern gestellt werden.« Doch den hat er nicht im Angebot: »Mathematik ist nun einmal eine Frage des Denkens. Um Kinder aber auf die richtigen Gedanken zu bringen, genügt es nicht, ihnen passendes Material an die Hand zu geben.«

Er warnt: »Gibt man ihnen Material und achtet nicht weiter darauf, was sie sich dazu denken, dann nutzen sie das Material entweder gar nicht: Dann nämlich, wenn es nicht zu ihren bereits bestehenden Gedanken passt und sie daher nichts damit anzufangen wissen. Oder sie nutzen das Material im Sinne ihrer bereits bestehenden, offenbar unzureichenden Gedanken, und das heißt in dem Bereich, über den ich hier in erster Linie spreche: Sie nutzen das Material wiederum nur für eins: für das Abzählen.«

Die Lösung wäre Material, das nicht abgezählt werden muss, richtig? Jens Holger Lorenz spielt diesen Gedanken am Beispiel der Würfelbilder durch: »Die Kraft der Zahlenbilder und insbesondere der Würfelbilder, nämlich ihre einprägsame Konfiguration, die einen extrem hohen Wiedererkennungswert bereits im Vorschulalter besitzt, ist gleichzeitig ihre Schwäche. Die Punktanzahl hat mit der (gewürfelten) Zahl in den Augen der Kinder wenig zu tun. Wie auch, da die Zahlen ja nicht auseinander entstehen. Das Würfelbild der ›4‹ ergibt sich nicht aus der ›3‹ durch Hinzunahme eine weiteren Punktes, die ›6‹ entsteht nicht aus der ›5‹. Die Konfiguration der Punkte ist aus der Sicht der Kinder zwar erinnerungswert, aber eher zufällig. Zudem ist bei Zahlenbildern kritisch zu fragen, wie sie in einem erweiterten Zahlenraum, etwa im Hunderter- oder gar Tausenderraum fortgesetzt werden können (eigentlich gar nicht). Und wechselnde Veranschaulichungsmittel erfordern eine fortwährende, für rechenschwache Kinder äußerst mühsame Übersetzung von einem Mittel zum nächsten. Auch die Rechenstrategien an den Veranschaulichungsmitteln ändern sich. Die Betonung der Mengendarstellung ist außerdem fraglich, da in unserem Kopf Zahlen eben nicht als Mengen gedacht werden: Niemand ›sieht‹ 35 Apfelsinen, denen er 17 Apfelsinen hinzufügt.«

Nicht mal die Apfelsinen lassen sich also als Zaubermaterial verkaufen. Auch nicht, wenn sie aus Nürnberg kommen.

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