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Prozente

Urlaubszeit ist Badezeit. Aber die Haie? Die Statistik zu Haiunfällen ist beängstigend:

»›Hai-Angriffe: Doppelt so viele Tote wie 2010!‹ Diese Nachricht von Focus Online erschreckte viele Urlauber, die entspannte Ferien am Meer verbringen wollten. Die wirkliche Frage ist eine andere: Wie viel ist doppelt so viel? Im Jahr 2010 wurden weltweit sechs tödliche Hai-Angriffe gemeldet; im Jahr 2011 waren es zwölf. Das heißt, die absolute Risikozunahme betrug 6 Opfer weltweit, während die relative Risikozunahme tatsächlich ›doppelt so viel‹ oder ›100 Prozent mehr‹ war. Relative Risiken können viel Staub aufwirbeln und uns Angst machen. Absolute Risiken dagegen helfen, das wirkliche Ausmaß der Gefahr zu verstehen.«

Seit 2012 hinterfragen der Bochumer Ökonom Thomas Bauer, der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer und der Dortmunder Statistiker Walter Krämer jeden Monat publizierte Statistiken und deren Interpretation in den Medien.

Sie fassten ihre Beispiele in dem Buch »Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet – Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik« zusammen: »Medien übertreiben gerne. Und wir sind nicht ganz unschuldig daran, denn wir lieben Sensationen. Nur – wie macht man aus einer Mücke einen Elefanten? Verwende relative statt absoluter Risiken! Damit lassen sich kleine, unscheinbare Effekte in große, spektakuläre Nachrichten verwandeln.«

Gerne wird von Skeptiker*innen der altbekannte Satz von den gefälschten Statistiken zitiert: »Wir haben in diesem Buch zahlreiche Beispiele von Desinformation durch Statistiken gesehen. Was lernen wir daraus? Dass es Unfug wäre, nach dem häufig verwendeten Spruch zu handeln: ›Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe.‹ Dieser Spruch, oft irrtümlicherweise mit Winston Churchill in Verbindung gebracht, ist mit großer Wahrscheinlichkeit auf Joseph Goebbels und sein Reichspropagandaministerium zurückzuführen und wenig hilfreich zur Bewältigung der modernen Informationsexplosion.«

Auch der Mathematiker Gerd Bosbach und der Historiker Jens Jürgen Korff leiten ihr Buch »Lügen mit Zahlen. Wie wir mit Statistiken manipuliert werden« mit einer erschreckenden Reisewarnung ein: »Welche Stadt hat die höchste Kriminalitätsrate?« Die Vatikanstadt ist nicht die naheliegende aber korrekte Antwort. Mit 100 Prozent hat die Vatikanstadt den höchsten Katholikenanteil. Sind Katholik*innen besonders kriminell?

Die Kriminalitätsrate ergibt sich durch die Anzahl der Delikte geteilt durch die Zahl der Einwohner*innen. Etwa 18 Millionen Tourist*innen besuchen die Vatikanstadt jährlich, und deren Straftaten werden auf die etwa 500 Bewohner*innen der Vatikanstadt umgerechnet.

»Wer von Prozenten spricht, hat große Freiheiten. Er kann aus einer Menge von möglichen Bezugsgrößen auswählen. Und wenn die Bezugsgröße im Text verschwiegen wird, denken Sie sich als Leser einen Bezug hinzu, den Sie für ›selbstverständlich‹ halten. Wenn der aber nicht stimmt, Sie also falsch interpretiert haben, wird der Prozentist seine Hände in Unschuld waschen.«

Die beiden Autoren geben Leser*innen die Chance, sich selbst als »Prozentist*innen« zu betätigen. Sie bekommen die Honorare der Ärzt*innen der Jahre 1989 bis 2007 aufgelistet und sollen sie dem Bundesgesundheitsministerium so präsentieren, dass der Eindruck entsteht, das Einkommen sei real gesunken. Die Bundesdelegiertenversammlung der Ärzteorganisation dagegen soll mit gestiegenen Einkommen beeindruckt werden. »Dazu nehmen Sie natürlich die gleiche Einkommenstabelle wie eben. Wir lügen ja nicht!«

Auch ganz ohne Fälschungen ist es möglich, diese Entwicklung je nach Absicht als Trauerspiel oder Erfolgsgeschichte darzustellen. »Kleinigkeiten wie die diesmal unberücksichtigten Preissteigerungen und das seltsame Basisjahr fallen hinter den tollen Prozenten niemandem mehr auf.«

Die tüchtigen Manipulierer*innen haben anschließend einen Erholungsurlaub verdient. Aber vorher unbedingt die Kriminalitätsrate und die Haigefahr überprüfen!

Wir freuen uns auf Anregung und Empfehlungen von Lehrenden und Lernenden (wer ist das nicht?!) per Mail oder einfach hier im Kommentarfeld.

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