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Matheangst

Die Zahlen sind erschreckend: Laut einer Studie der Stiftung Rechnen fürchtet sich ein Drittel der Fünftklässler*innen vor Mathematikarbeiten. Für diese Kinder sind alle Zahlen erschreckend. Und zahlreiche Erwachsene haben Albträume von Matheprüfungen, obwohl sie die seit Jahrzehnten hinter sich gelassen haben.

Andere Fächer mögen unbeliebt sein, doch es ist möglich, sich mit Auswendiglernen durchzukämpfen. »Es liegt in der Natur der Mathematik, dass man keine Zahlen auswendig lernt bzw. auswendig gelernte Inhalte wiedergibt. Man muss vielmehr Probleme lösen, und hierfür muss man kreativ sein können. Damit liegt es auch in der Natur der Mathematik, dass sich Angst auf die Performance auswirkt. Und wer sich einmal im Teufelskreis der Angst befindet, kommt im Allgemeinen nicht wieder heraus.«

Der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer beschreibt in seinem Buch »Medizin für die Bildung. Ein Weg aus der Krise«, wie Angst einen kognitiven Stil produziert, mit dem sich zwar einfache Routinen ausführen lassen, aber der die Kreativität hemmt: »Wenn dagegen gerade keine Angst da ist, werden die Gedanken freier, offener und weiter.«

Diese Angst existiere noch immer: »Wer meint, dass die Angst im Unterricht zusammen mit dem Rohrstock vor Jahrzehnten doch längst abgeschafft wurde, der irrt: Sarkasmus, Zynismus und Ironie durch den Lehrenden sind im deutschen Schulalltag weit verbreitet.«

Christina Artemenko erforscht an der Universität Tübingen die neurokognitiven Grundlagen der Arithmetik und der Zahlenverarbeitung: »Wenn matheängstliche Personen einfachste Aufgaben lösen, dann zeigt sich vielleicht nicht im Verhalten ein Unterschied, also sie sind jetzt nicht viel schlechter als matheunängstliche Personen. Aber trotzdem kann man im Gehirn dann beobachten, dass die Verarbeitung anders ist, bei denen, dass es nicht ganz so effektiv ist, die Prozesse, die dabei ablaufen.«

In Manfred Spitzers Buch folgt auf das Kapitel »Angst vor Mathematik« eins mit dem aufmunternden Titel »Lernen mit Freude«. Er möchte jedoch keinesfalls aus Lehrenden Motivator*innen machen. »Immer wieder wird im Kontext des Lernens in der Schule die Frage gestellt, wie man Menschen motivieren könne. ›Gar nicht‹, lautet die Antwort, denn mit der Motivation verhält es sich ganz ähnlich wie mit dem Hunger: Er stellt sich von selbst ein, wenn man nichts tut.«

Neugier ist die natürliche Motivation zum Lernen, die alle Menschen besitzen. Sie entsteht, wenn man etwas noch nicht weiß, aber wissen will. Unsicherheit ist also die Voraussetzung für das Lernen. Neurowissenschaftliche Versuche mit Studierenden zeigen: Die für Lernen und Gedächtnis zuständige Bereiche sind besonders aktiv, nachdem eine falsche Antwort gegeben wurde.

Das macht die Angst vor Fehlern in der Mathematik besonders fatal: Dadurch werden laut Hartmut Spiegel und Christoph Selter »Schüler zu Rotkäppchen, die mit dem Rechenweg die Warnung erhielten: Verlass ihn nicht, du weißt, im Zahlendickicht lauert der Wolf, sprich: der Fehler.« Und so wie der Wolf viel harmloser ist als sein Image, sind es auch die Rechenfehler und die Mathematik.

Wir freuen uns auf Anregung und Empfehlungen von Lehrenden und Lernenden (wer ist das nicht?!) per Mail oder einfach hier im Kommentarfeld.

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