unvorstell.bar

Bildungsreformen

Manfred Spitzer entwirft ein politisches Horrorszenario: Selbstherrliche Politiker*innen hören, dass Aspirin einen Herzinfarkt verhindern kann und beschließen eigenmächtig, es dem Trinkwasser zuzusetzen. Nach einigen Jahren zeigen sich gefährliche Nebenwirkungen und das Aspirin verschwindet kommentarlos aus dem Wasser. »Was als methodisches Vorgehen in der Medizin lächerlich wirkt, ist ›Standard‹ in der Pädagogik: Eine ›Reform‹ – von Gesamtschule bis G8, vom Betreuungsgeld für Familien bis zum Bologna-Prozess im Studium – jagt die nächste, vorhergehende wissenschaftliche Untersuchungen zu dem, womit man die Lernenden flächendeckend ›beglückt‹, sucht man jedoch vergebens.«

Er selbst gehörte zur Zielgruppe dieser Reformen: »Betrachten wir als Beispiel die Reform des Anfangsunterrichts im Fach Mathematik, wie ich sie als Schüler selbst in der ersten Klasse erlebt habe (natürlich ohne zu wissen, was mir geschah). Die Idee, Mathematik didaktisch in der Reihenfolge zu unterrichten, wie man sie systematisch begründen kann (und daher mit der Mengenlehre anzufangen), wurde nicht etwa zunächst als Hypothese betrachtet, die man durch methodisch saubere Studien an einigen Schulen testen müsste. Nein, sie wurde flächendeckend z. B. im Bundesland Hessen (wo ich aufgewachsen bin) umgesetzt. Nach etwa einem Jahrzehnt stellte man fest, dass dieses Vorgehen dem Erlernen der Mathematik nicht förderlich ist und die Mengenlehre in der ersten Klasse wurde wieder abgeschafft.«

Zum Glück scheinen fragwürdige Lehrmethoden nicht immer bleibenden Schaden anzurichten. Der Mathematikdidaktiker Jens Holger Lorenz beobachtet, »dass die Fehler (relativ) stabil und unabhängig vom jeweils verwendeten Schulbuch und der vom Lehrer bevorzugten Methodik sind. Die Fehlerhäufigkeiten bleiben sogar über einen Zeitraum von 50 Jahren konstant und überstehen unbeschadet diverse Lehrplan-Reformen.«

Manfred Spitzer bezeichnet sich als Quereinsteiger aus der Medizin in den Bildungsbereich und will Erkenntnisse aus der Gehirnforschung zu Lernen und Emotionen in der Schule nutzbar machen. »Die Fragen und Probleme, die den gegenwärtig in einer breiten Öffentlichkeit diskutierten Reformen zugrunde lagen, wurden nicht etwa durch grundlagenwissenschaftlich begründete empirische Forschung beantwortet oder gelöst, sondern immer wieder anders politisch entschieden.«

Der Vergleich mit der Medizin soll zeigen, dass Neuerungen keineswegs aus Prinzip abgelehnt werden: »Bei der Willkür der Reformen wundert es einen nicht, dass die Subjekte pädagogischer Reformen – Schüler, Lehrer und Eltern – sich wie Objekte vorkommen und sich regelhaft den Reformen gegenüber heftig zur Wehr setzen. Um es wieder mit der Medizin zu vergleichen: Niemand setzt sich gegen neue Behandlungsverfahren zur Wehr. Warum eigentlich nicht? Weil Reformen in der Medizin (sie finden dauernd statt!) Teil des praktischen Alltags sind und nicht ›von oben befohlen‹, sondern ›von unten angestrebt‹ werden.«

Die Mengenlehre hat Manfred Spitzer offenbar nicht daran gehindert, das Rechnen zu erlernen. Doch bereits im Jahr 1974 zitiert der SPIEGEL den amerikanischen Mathematikprofessor Morris Kline: »Mengenlehre – das ist Zeitverschwendung.«

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