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Storytelling

Es war einmal ein Märchenerzähler, der wollte zu großem Reichtum gelangen. Zwar hörten ihm die Menschen gerne zu, doch der Reichtum blieb aus. Da hatte er eine märchenhafte Idee: Er würde das Märchen erzählen, dass Märchenerzählen reich mache.

Dem Regisseur George Lucas ist das gelungen. Auf die Frage nach seiner Inspiration nannte er Grimms Märchen, die griechischen Sagen und die Bibel. In seinem Buch »Warum das Gehirn Geschichten liebt. Storytelling – analog und digital« zitiert Werner Fuchs die Bibel und das Märchen »Des Kaisers neue Kleider«, das allerdings von Hans Christian Andersen stammt:

Zwei angebliche Schneider behaupten, dem Kaiser prachtvolle Kleider zu weben, die jedoch nur von klugen Menschen erkannt werden. Wer würde zugeben, die Kleider nicht zu sehen und dadurch riskieren, für dumm gehalten zu werden? Schließlich ist es ein Kind, das mit seinem unverblümten Kommentar die Hochstapler entlarvt: Der Kaiser ist nackt. »Wer die ganze Geschichte kennt, bringt sie auch gerne ins Spiel, wenn die Marketingbranche mit einem englischen Wort alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen will. Das trifft bei ›Storytelling‹ durchaus zu, wenn man dem Publikum weismachen will, die Kunst des Geschichtenerzählens sei eben erst erfunden worden. Das ist sie natürlich nicht.«

Ganz im Gegenteil gehöre diese Fähigkeit zur Grundausstattung des Menschen. »Da unser Gehirn die eintreffenden Informationspakete ganz automatisch in Geschichten verpackt, erhielten wir das Grundwissen über Storytelling als Geburtsgeschenk mit auf den Weg. Möglich, dass Sie es verlegt haben, verloren ging es jedenfalls nicht.«

Doch was beinhaltet dieses Geschenk? Was bedeutet Storytelling überhaupt? Wikipedia erklärt: »Storytelling (deutsch: ›Geschichten erzählen‹) ist eine Erzählmethode, mit der explizites, aber vor allem implizites Wissen in Form von Leitmotiven, Symbolen, Metaphern oder anderen Mitteln der Rhetorik weitergegeben wird.« Explizites und implizites Wissen, das klingt nach Schule. Den Deutschunterricht hält Werner Fuchs jedoch für keinen geeigneten Ort, um das Geschichtenerzählen zu erlernen.

»Verfechter staatlicher Bildungsinstitute könnten an dieser Stelle einwenden, das Erzählen guter Geschichten lerne man doch im Deutschunterricht. Das wäre laut Lehrplan durchaus möglich und vorgesehen. Ein Blick in die Klassenzimmer zeigt aber, dass die Realität eine andere ist. Im Literaturunterricht werden Texte mittels ausgefallenen Analyseinstrumenten so atomisiert, dass solche Lektionen mehr mit Chemie als mit Deutsch zu tun haben.«

Auch das Ende sollte sich nicht an dem orientieren, was in der Schule gelehrt wird: »Wenig empfehlenswert ist es, sich bei der Gestaltung der Schlusssequenz von Lehrsätzen aus dem Deutschunterricht leiten zu lassen. Denn das führt oft dazu, sein Publikum mit Zusammenfassungen zu langweilen oder es mit Antworten auf die Frage ›Was haben wir gelernt‹ zu belästigen.«

Durch Geschichten werden Vorkenntnisse abgerufen, Andockstellen geschaffen und Assoziationsketten geknüpft. Inhalte bleiben im Gedächtnis und können dort leicht gefunden werden. Deshalb gehören Geschichten in die Schule. Kurse fürs Storytelling richten sich jedoch eher an Marketingfachleute. Bieten sie alten Wein in teuren Schläuchen an?

»Faktum bleibt, dass bekannte und erfolgreiche Geschichtenerzähler keine Checklisten abarbeiten und nur selten ein Diplom vorweisen können, das ihnen bescheinigt, ihr Metier zu beherrschen. Eine gesund Portion Skepsis ist also durchaus am Platz, wenn man Angebote von Schreibschulen begutachtet.«

Vielleicht üben die Teilnehmenden trotzdem das Geschichtenerzählen, wenn auch auf andere Art, als der Märchenerzähler anpreist: »Storytelling lernen wir in der Regel nicht während des Unterrichts, sondern vorher, dazwischen und danach.«

Und wenn wir nicht gestorben sind, erzählen wir noch heute.

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