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Prognosen

Im Jahr 2021 wird die Pandemie enden oder andauern, Markus Söder ist Bundeskanzler und vielleicht tritt Joe Biden zurück.

Der Mathematiker Michael Kunkel wertet alljährlich solche Prophezeiungen aus: Die meisten sind vage, naheliegend oder schlichtweg unzutreffend.

Wahrsager*innen stellt man sich ungefähr vor wie die Witwe Schlotterbeck im geblümten Morgenrock, dazu Lockenwickler im Haar und ausgetretene Filzpantoffeln. Oder sie sind wie ihre britische Kollegin Professor Trelawney mit Schleiern, Schals und Perlenketten behängt.

Doch es gibt auch die Unauffälligen im seriösen Anzug mit Krawatte, die Rolf Dobelli in seinem Buch »Die Kunst des klaren Denkens« beschreibt: »Experten wollen erkannt werden. Darum müssen sie ihren Status irgendwie signalisieren. Ärzte und Forscher durch ihren weißen Kittel. Bankdirektoren durch Anzug und Krawatte. Die Krawatte hat keine Funktion, sie ist nur Signal.«

Ihnen fehlt zwar die Dramaturgie der Wahrsagelehrerin von Hogwarts. Doch auch die Expertenprognosen treffen laut Rolf Dobelli eher aus Zufall oder Mehrdeutigkeit zu. »Astrologen und Wirtschaftsexperten operieren nach dem gleichen Prinzip. Ihre Aussagen sind so schwammig, dass sie Bestätigungen wie ein Magnet anziehen.«

Zusätzlich komme die Vermessenheitsverzerrung ins Spiel: »Der Overconfidence-Effekt misst den Unterschied zwischen dem, was Menschen wirklich wissen und dem, was sie denken zu wissen. Experten leiden noch stärker am Selbstüberschätzungseffekt als Nichtexperten. Ein Ökonomieprofessor liegt bei einer Fünfjahresschätzung des Ölpreises genauso falsch wie ein Nichtökonom. Nur tut er es mit einer ungeheuren Selbstüberschätzung.«

Der Harvardprofessor John Kenneth Galbraith schrieb: »Es gibt zwei Arten von Leuten, die die Zukunft vorhersagen: jene, die nichts wissen, und jene, die nicht wissen, dass sie nichts wissen.«

Eine Korrektur verhindert der Rückschaufehler. Dabei handelt es sich um die Tendenz, es hinterher schon immer gewusst zu haben: »Die Finanzkrise scheint rückblickend als vollkommen logisch und zwingend. Und doch hat kein einziger Ökonom – es gibt weltweit rund eine Million davon – ihren genauen Ablauf vorausgesagt.«

Der Rückschaufehler nährt die Überschätzung der eigenen Prognosen, und das verleitet zu voreiligen Entscheidungen. Zum Glück gibt es ein simples Gegenmittel: Wer seine Vorhersagen aufschreibt, kann sie anschließend mit der tatsächlichen Entwicklung vergleichen.

»In Frau Schlotterbecks Wohnstube herrschte geheimnisvolles Halbdunkel, da sie die Vorhänge tagsüber stets geschlossen hielt – nach dem Grundsatz: Zum Hellsehen muss es dunkel sein.« (Otfried Preußler: »Neues vom Räuber Hotzenplotz«) Nach einer selbstkritischen Überprüfung brauchen die Prognosen das Licht nicht mehr zu scheuen.

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