unplan.bar

Futur III

Eine neue grammatische Zeitform regte das Satiremagazin »Der Postillon« im Jahr 2012 an: Das Futur III könnte Gespräche über den Problemflughafen BER erleichtern. »Bislang kam die deutsche Sprache hervorragend mit dem Futur I und dem Futur II aus. Doch die besonderen Umstände beim Bau des Flughafens Berlin fordern drastische temporale Maßnahmen«, erklärte ein fiktiver Sprachwissenschaftler.

Das Futur III soll ausdrücken, was für die Zukunft geplant ist, aber nicht eintreffen wird. Als der Flughafen schließlich im Oktober 2020 unerwarteterweise doch noch eröffnet wurde, glaubten viele tatsächlich, die Meldung wäre eine Satire des Postillons.

Auch wer keinen Flughafen plant, ist vor Planungsirrtümern nicht sicher. »Wenn Sie so ticken wie die meisten Menschen, gehen Sie gerade mal jeden 20. Tag mit einer komplett abgehakten Aufgabenliste in den Feierabend. Sie nahmen sich also viel zu viel vor. Geradezu absurd viel. Das wäre verzeihlich, wenn es ihr erster Tag auf diesem Planeten wäre.« Der Schriftsteller Rolf Dobelli vermutet zwei Gründe:

»Erster Grund: Wunschdenken. Wir möchten Erfolgsmenschen sein, die alles erreichen, was sie sich vornehmen.
Zweitens: Wir konzentrieren uns zu stark auf das Projekt und blenden die projektfremden Einflüsse aus.«

Wenn Pläne scheitern, dann liegt es nahe, beim nächsten Mal besser zu planen. »Noch genauer planen – wäre das die Lösung? Nein, die Schritt-für-Schritt-Planung verstärkt sogar den Planungsirrtum, weil man damit den Fokus auf das Projekt verstärkt und damit noch weniger an Unerwartetes denkt.«

Detaillierte Pläne beruhigen, auch wenn sie sich nicht umsetzen lassen. Der Film »Das Leben des Brian« begleitet die chaotische Widerstandsgruppe »Volksfront von Judäa«, die im Jahr 33 die Weltherrschaft für das Jahr 38 plant. Als Teilziel soll im ersten Jahr das römische Imperium zerschlagen werden – ein SMARTes Ziel: spezifisch und messbar; für eine Widerstandsgruppe ist es außerdem attraktiv, realistischerweise wird die Größe des Imperiums nicht unterschätzt und terminiert ist es für das Jahr 34:

»Jetzt kommen wir zu Punkt vier: Erringung der Weltherrschaft innerhalb der nächsten fünf Jahre. Ich will ganz offen sein: Ich finde fünf Jahre sehr optimistisch. Es sei denn, wir zerschmettern das römische Imperium innerhalb der nächsten zwölf Monate. Was Imperien angeht, ist das ein ziemlich großes.«

Bekanntlich glückte die Weltherrschaft nicht. Allerdings scheiterte die Volksfront von Judäa nicht am römischen Imperium, sondern ihr Plan wurde durch die Rivalität mit der judäischen Volksfront durchkreuzt.

Wenn das Unplanbare eine neue Zeitform bekommt, dann verdient es auch eine eigene Zahl. Douglas Adams behauptet in seinem »Hitchhiker’s Guide to the Galaxy«, dass Zahlen in Bistros nicht denselben Gesetzen folgen wie überall sonst im Universums. Die angekündigte Ankunftszeit der Gäste nennt er »Reziproversexklusion, eine Zahl, deren Existenz nur so definiert werden kann, dass sie alles andere als sie selbst ist.« Also ist die geplante Ankunftszeit die einzige Zeit, zu der garantiert kein einziger Gast erscheint. Das überrascht nur diejenigen, die ihren ersten Tag auf diesem Planeten verbringen. Alle anderen berücksichtigen bereits intuitiv dieses Phänomen, ohne den Begriff »Reziproversexklusion« zu kennen.

Julia Shaw beschäftigt sich in ihrem Buch »Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht« mit Planungsfehlschlüssen: Versuchspersonen sollten schätzen, wie viel Zeit sie für eine bestimmte Aktivität benötigten. Dabei zeigte sich, »dass Menschen generell optimistische Schätzungen abgeben und dazu neigen, frühere Misserfolge außer Acht zu lassen. Sie unterschätzen ganz generell, wie lange die Erfüllung einer Aufgabe tatsächlich dauert.«

Rolf Dobelli empfiehlt, beim Planen für die Zukunft die Vergangenheit zu konsultieren. Das Futur III wäre dafür wie geschaffen: »Beispiele für eine korrekte Verwendung des Futur III sind ›Nächstes Jahr um diese Zeit werde ich gerade meine Koffer aufgegeben hätten gehabt‹ oder ›Wenn der Pfusch am Bau nicht bald aufhört, wird Hartmut Mehdorn die längste Zeit BER-Manager wären gewesen.‹«

Wer beim Planen mögliche Ablenkungen berücksichtigt, der wird sich nicht über Verzögerungen gewundert hätten gehabt.

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