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Attributionsstil

Auf dem Lehrplan stehen zwar Lesen, Schreiben und Rechnen, doch nebenbei lernen Schulkinder auch viel über sich selbst, etwa wie hilflos oder effektiv sie sind. Wenn sie eine hilflose Lerneinstellung erwerben und glauben, dass ihre Handlungen keine Lösung herbeiführen, wird das Erlernen kognitiver Strategien verzögert.

Manche fühlen sich nur bei bestimmten Lehrer*innen oder in einzelnen Fächern hilflos.

So geht es vielen Schüler*innen mit einer Teilleistungsschwäche, die gute Leistungen zeigen, außer beim Lesen, Schreiben oder Rechnen. Im Jahr 1971 kümmerten sich Paul Rozin, Susan Poritsky und Raina Sotsky um amerikanische Kinder mit schwerer Leseschwäche. Zuvor war es niemandem gelungen, ihnen das Englischlesen beizubringen.

Ein unkonventionelles Experiment brachte den Durchbruch: Den Kindern gelang es, chinesische Schriftzeichen zu erlernen. Die Zeichen erinnerten sie offenbar eher an Figuren als an Buchstaben, so dass sie sich unvoreingenommen mit ihnen beschäftigten.

Eine Rechenschwäche kann bewirken, dass Schüler*innen im Fach Mathematik wie gelähmt sind. Carol Dweck ist es gelungen, diese erlernte Hilflosigkeit abzubauen. Sie arbeitete mit Kindern, die als Schulversager*innen galten und bei Rechenaufgaben schnell aufgaben. Ein Training in Mathematik mit vielen Erfolgserlebnissen und ohne Misserfolge schien die naheliegende Förderung zu sein. Genau dies erhielt ein Teil der Kinder und das einfallslose Etikett »NE-Gruppe«, wobei »NE« für »Nur Erfolg« stand. Die »AT-Gruppe« dagegen bekam ein Attributionstraining, bei dem sie lernten, Misserfolge ihrer unzureichenden Anstrengung zuzuschreiben: Wenn sie an schwierigen Aufgaben scheiterten, wurden sie ermutigt, sich beim nächsten Mal mehr zu bemühen. Nachdem beide Gruppen 25 Tage lang trainiert wurden, unterschieden sie sich deutlich voneinander.

Nach Misserfolgen gab die NE-Gruppe weiterhin auf, während die AT-Gruppe ihre Leistungen sogar verbesserte und weniger Prüfungsangst zeigte. Hilflosigkeit kann demzufolge rückgängig gemacht werden, aber nicht durch leichte Aufgaben ohne Misserfolge, sondern durch eine Attributionsstrategie.

Diese Bewältigungsmechanismen helfen auch erfolgsverwöhnten Schüler*innen, die Martin Seligman »Sonntagskinder« nennt: Sie konnten keine Erfahrungen mit Frustrationen sammeln und reagieren hilflos, wenn sie schließlich mit ihren ersten Misserfolgen konfrontiert werden. Diese »Sesamstraßenperspektive« bedeute konkret: »Wenn etwas nicht prickelnd, aufregend und farbig ist, mache ich es nicht.«

Wobei nichts dagegen spricht, sich das Lernen möglichst prickelnd, aufregend und farbig zu gestalten. Doch was wäre die Sesamstraße ohne den Griesgram Oscar?

Fortsetzung folgt

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