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Hilflosigkeit

Es war einmal ein Wissenschaftler, der nannte sich selbst einen Miesepeter:

»Ich hatte 50 Jahre lang zumeist Regenwetter in meiner Seele ausgehalten und die letzten zehn Jahre war ich die wandelnde dunkle Regenwolke in einem Haus voller Sonnenschein.«

So beginnt die wahre Geschichte von Martin Seligman, die damit endet, dass seine Vorträge einen Journalisten der ZEIT in die Flucht treiben, der »so viel Glück nicht mehr ausgehalten« hat. (Burkhard Straßmann: »Im Herzen der Sekte. Ein schrecklich harmonischer Tag mit Glücksguru Martin Seligman« DIE ZEIT 1/2012)

Die Wandlung vom Miesepeter zum Glücksguru wirkt so fantastisch, dass sie durchaus als Märchen taugt. »Martin im Glück« vielleicht.

In seiner übellaunigen Phase beschäftigte sich Martin Seligman mit bedrückenden Themen wie Depressionen und der erlernten Hilflosigkeit, seinem besonderen Steckenpferd. Inzwischen erforscht er erlernten Optimismus. Dass die Forschung ausgerechnet mit einem missglückten Experiment begann, klingt ebenfalls zu abwegig, um wahr zu sein: Ein Lernversuch mit Hunden musste abgebrochen werden, weil sich einige Tiere völlig anders verhielten als erwartet.

Die Forschungsfrage: Lernen Hunde, einen neutralen Ton mit unangenehmen Stromstößen zu verbinden, so dass sie nach der Lernphase schon beim Erklingen des Tons flüchten?

Der Versuchsaufbau: Die Hunde hörten in einem geschlossenen Käfig ein akustisches Signal gefolgt von leichten elektrischen Schlägen, die sie durch eigenes Handeln weder vermeiden noch beenden konnten. Anschließend wurden die Käfigtüren geöffnet und das Signal erklang erneut.

Die Überraschung: Die Hunde verhielten sich merkwürdig passiv und unternahmen auch dann nichts, als sie die Möglichkeit dazu erhielten. Sie flüchteten nicht vor dem Signal und auch nicht vor den Stromschlägen, sondern legten sich auf den Boden und ertrugen sie untätig.

Jetzt kommt Martin Seligman ins Spiel. Er vermutete, dass die Hunde bei diesem Experiment keine akustischen Signale gelernt hatten wie beabsichtigt sondern Hilflosigkeit.

Menschen werden zwar nicht in Käfige gesperrt, um zu untersuchen, wie sie auf elektrische Schläge reagieren. Dennoch sind die Menschenversuche nach einem ähnlichen Muster aufgebaut:

Beispielsweise traktierte Martin Seligmans Kollege Donald Hiroto bedauernswerte Versuchspersonen mit Lärm, während sie Knöpfe auf einem Schaltbrett betätigten. Wer Glück hatte, konnte den Lärm mit dem Drücken von Knöpfen in der richtigen Kombination abstellen. Das war die Kontrollgruppe. Wer Pech hatte, dem fehlte jeder Einfluss. Was auch immer diese Versuchspersonen unternahmen, der Lärm blieb.

Dass die hilflose Gruppe irgendwann aufgab, überraschte nicht. Allerdings wirkte sich diese Resignation auch auf den weiteren Verlauf des Versuchs aus: Donald Hiroto führte die Versuchspersonen in einen zweiten Raum, in dem sich der Lärm ganz einfach beenden ließ. Versuchspersonen der Kontrollgruppe fanden schnell heraus, dass sie nur ihre Hand von links nach rechts oder von rechts nach links bewegen mussten, um die unangenehmen Geräusche abzuschalten – also kein Hexenwerk. Die Mehrheit der zweiten Gruppe blieb dagegen völlig passiv und wagte nicht einmal den Versuch, etwas an ihrer Situation zu verändern.

Ohne Kenntnis der Vorgeschichte wäre diese Untätigkeit kaum zu erklären. Zur Überprüfung des Phänomens wurden ähnliche Experimente in Kindergärten und Schulen durchgeführt: Kinder und Jugendliche bekamen zunächst unlösbare Aufgaben, so dass ein Misserfolg vorprogrammiert war. Anschließend scheiterten viele aber auch an lösbaren, leichten Aufgaben. Die Erfahrung, keine Chance zu haben, ließ sie resignieren.

Allerdings stellten die Forscher fest, dass zwar die meisten Menschen bei solchen Versuchen aufgeben, jedoch nicht alle. Einige lassen sich durch die Misserfolge nicht davon abbringen, weiter nach einer Lösung zu suchen. Wodurch unterscheidet sich die Minderheit der Unbeirrbaren von den anderen?

Fortstetzung folgt…

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