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Arbeit und Vergnügen

»Erst die Arbeit, dann das Vergnügen« ist ein Spruch, der an einen Berg von öden Hausaufgaben erinnert. Dahinter lockt vielleicht ein Eis als Belohnung. Wenn nur der Berg nicht so hoch wäre. Und die Hausaufgaben nicht so öde. Vergnügen an der Arbeit oder am Lernen scheint zu unwahrscheinlich, um überhaupt berücksichtigt zu werden.

In seinem Buch »Mythos Motivation: Wege aus einer Sackgasse« warnt Reinhard Sprenger: »Wenn also Eltern ihren Kindern sagen: ›Mach deine Mathe-Hausaufgaben, dann darfst du heute länger fernsehen‹, dann vermitteln sie ihren Kindern, dass Mathe-Hausaufgaben etwas ist, was keine Freude machen kann und ohnehin völlig sinnlos ist. Belohnungen ersetzen uns also den Spaß an der Sache durch den Spaß an der Belohnung. Belohnungen untergraben unser natürliches Interesse, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun. Sie verhindern, dass wir uns für etwas engagierten, einfach weil es uns Spaß macht. Das muss uns klar sein: Belohnung zerstört die Motivation.«

Doch die Reichweite dieser Einstellung endet nicht mit dem Schulabschluss. Auch im Beruf gilt das Vergnügen als Folge von Arbeit und Erfolg. Zwar bekommen Erwachsene seltener ein Eis als Belohnung, aber auch bei ihnen werden Leckerli eingesetzt, um die Anstrengungsbereitschaft zu erhöhen. Die heißen dann Leistungsprämien oder Incentives.

Der Harvard-Professor Shawn Achor staunt, dass noch immer viele Arbeitgeber an Anreizsystemen festhalten, die schon längst von der Wissenschaft angezweifelt werden. Als Erklärung nennt er die frustrierende Zahl sieben: Mehr als sieben Leser*innen habe ein wissenschaftlicher Fachartikel im Durchschnitt nicht, und eine Leserin ist oft die Mutter der Autor*innen. Bleiben also sechs Externe.

Vielleicht bekommen diese Wissenschaftler*innen von ihrer stolzen Mutter wenigstens ein Eis als Belohnung, wenn schon die verdiente Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ausbleibt. Leider werden dadurch relevante Forschungsergebnisse nicht ausreichend berücksichtigt. Zum Beispiel über den Zusammenhang von Arbeit und Vergnügen.

Bevor angehende Wissenschaftler*innen ihre ersten Artikel für sechs Leser*innen und ihre Mutter schreiben, lernen sie die Tücken von Korrelationen kennen: Dass eine statistische Beziehung zwischen zwei oder mehreren Merkmalen nichts darüber aussagt, ob überhaupt eine Ursache-Wirkung-Beziehung besteht, was Ursache und was Wirkung ist oder ob eine dritte Größe beide Merkmale beeinflusst. Zum Beispiel das warme Sommerwetter, das als dritte Größe eine Korrelation zwischen Eiskonsum und Pool-Unfällen bewirkt.

Als Jurastudent mit Neigung zur Prokrastination lenkte sich Tyler Vigen kurz vor seiner Abschlussprüfung mit dem Erstellen absurder Scheinkorrelationen vom Lernen ab. Auf der Seite Spurious Correlations werden beispielsweise die Scheidungsrate im US-Bundesstaat Maine und der Pro-Kopf-Verbrauch von Margarine verglichen.

Lassen sich Menschen scheiden, weil sie von der Partnerin oder vom Partner gezwungen werden, Margarine zu essen? Müssen sie Margarine essen, weil sie sich nach der teuren Scheidung nichts anderes mehr leisten können? Sind arglose Margarinekonsument*innen schuld an steigenden Scheidungszahlen? Oder gibt es eine mysteriöse dritte Größe, die Menschen zum Scheidungsanwalt und in den Margarinekonsum treibt?

Noch verblüffender ist die Korrelation zwischen der Anzahl an Filmen, in denen Nicolas Cage mitspielte und der Anzahl an Personen, die in einen Pool fielen und dann ertranken. Da lässt sich wohl beim besten Willen keine Kausalität konstruieren.

Die Kausalität zwischen Erfolg und Freude ist dagegen unbestritten. Shawn Achor bezweifelt jedoch die vermutete Richtung. Bei seinen Student*innen beobachtet er die Tendenz, auf Erfreuliches zu verzichten, um ihren Studienerfolg nicht zu gefährden. Und genau damit gefährden sie ihren Studienerfolg. Nicht nur im Berufsleben verbessert eine gute Stimmung die Diagnosen von Ärzt*innen oder den Umsatz von Verkäufer*innen. Auch in unbestechlichen Mathematikklausuren erhalten vergnügte Student*innen die besseren Noten.

Dennoch wird von zahlreichen Vorgesetzten und Lehrenden die Freude an der Arbeit und am Lernen eher als Luxus oder sogar als Hinweis auf fehlende Anstrengung interpretiert.

Der »Gallup Wellbeing Index« zeigt, dass die Anzahl der Krankheitstage von unzufriedenen Angestellten pro Jahr durchschnittlich um 15 höher liegt als von zufriedenen Angestellten. Moment, wie war das mit der Korrelation und der Kausalität? Kann es nicht sein, dass Krankheiten die Zufriedenheit beeinträchtigen und nicht umgekehrt? Um diese Frage zu klären, wurden bei gnadenlosen Experimenten Student*innen mit Krankheitserregern infiziert. Die zufriedenen Versuchspersonen litten anschließend unter deutlich weniger Krankheitssymptomen. Das spricht tatsächlich für eine Kausalität: Zufriedenheit verursacht Abwehrkräfte.

Naturgesetze gelten zwar weiterhin: In einigen US-Bundesstaaten müssen Superman-Capes für Halloween die Warnung enthalten, dass man damit nicht fliegen kann, egal wie flugfähig sich die verkleideten Supermänner und Superfrauen fühlen. Doch es lohnt sich durchaus auszuprobieren, wozu beflügelte Superheld*innen fähig sind.

Wir freuen uns auf Anregung und Empfehlungen von Lehrenden und Lernenden (wer ist das nicht?!) per Mail oder einfach hier im Kommentarfeld.

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