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Stärken

Das Meinungsforschungsinstitut Gallup will es ganz genau wissen: Wer glaubt an Ufos und wovor fürchten sich die Menschen weltweit am meisten? Doch auch Alltägliches wie Essvorlieben oder die Arbeitsmotivation werden erfragt. Eine Frage nach dem persönlichen Erfolgsrezept lautet:

»Was glauben Sie, was Ihnen mehr helfen wird, sich zu verbessern: Ihre Stärken oder Ihre Schwächen?« In Japan und China wollen sich 24 Prozent der Befragten auf ihre Stärken konzentrieren, in den Vereinigten Staaten 41 Prozent. Eine Mehrheit bejaht in keinem Land diese Frage.

In ihrem Buch »Entdecken Sie Ihre Stärken jetzt« schreiben Marcus Buckingham und Donald Clifton: »Die Angst vor unseren Schwächen ist stärker als das Vertrauen in unsere Stärken. Wenn das Leben ein Kartenspiel wäre und jeder von uns eine Hand voll Stärken und Schwächen im Blatt hätte, würden die meisten von uns annehmen, dass unsere Schwächen unsere Stärken übertrumpfen.« Zur Illustration werden Eltern gebeten, sich folgende Situation vorzustellen: Ihr Kind erhält ein Zeugnis mit Einsen, einer Drei und einer Fünf. Am meisten Aufmerksamkeit bekommt von fast allen Eltern die Fünf. Da diese Note die Versetzung gefährden kann, erscheint das durchaus sinnvoll. Schüler*innen haben kaum Einfluss auf schulische Pflichtfächer und können am Ende des Jahres schlechte Noten nur bedingt durch Spitzenleistungen ausgleichen.

Erwachsene dagegen entscheiden sich für einen Beruf und gestalten oft ihren Arbeitsplatz mit. Dadurch ist es leichter für sie, Tätigkeiten loszuwerden, die sie nicht gern mögen und nicht gut können. Doch trotzdem halten es viele für ihre Pflicht, sich mit ihren Schwächen auseinanderzusetzen. Nicht weil sie relevant sind, sondern weil sie Schwächen sind.

Mit viel Mühe lassen sich tatsächlich mäßige Erfolge erzielen. Das kann im Einzelfall nötig sein, zur Schadensbegrenzung bei Schwächen, die sonst wie die Fünf im Zeugnis eine Stärke torpedieren: »So wird zum Beispiel Ihre Unkenntnis der Geschwindigkeit einer Boeing 747, die meistens irrelevant ist, zu einer verheerenden Schwäche, wenn Sie zufällig das Flugzeug fliegen.«

Wer dagegen keine Boeing 747 fliegt, kann diese Schwäche getrost ignorieren: »Wie alle von uns haben Sie zahllose Gebiete, auf denen es Ihnen an Können mangelt, aber die meisten von ihnen sind es einfach nicht wert, sich damit zu befassen. Warum ist das so? Weil sie sich einer ausgezeichneten Leistung nicht in den Weg stellen. Sie sind irrelevant.«

Gerne werden Geschichten von Menschen erzählt, die mit geradezu übermenschlichem Durchhaltevermögen ihre Schwächen beseitigen: »Die Frage ist nicht, ob Sie sich in diesen Tätigkeiten verbessern können oder nicht. Natürlich können Sie es. Die Menschen sind anpassungsfähige Geschöpfe, und wenn etwas wichtig genug ist, können wir in buchstäblich allem etwas besser werden.« Die Frage ist eher, ob sich das lohnt.

Als Negativbeispiel beschreibt Marcus Buckingham, wie er Kurse besuchte, um Konfliktfähigkeit zu erlernen: »Ich habe mir furchtbar viel Mühe gegeben, und es hat mir auch geholfen. Bei Konfrontationen stelle ich mich heute nicht mehr ganz furchtbar, sondern nur noch schlecht an.« Wie viel Aufwand wird durch die Verbesserung von »ganz furchtbar« auf »nur noch schlecht« gerechtfertigt?

Mechanische Fertigkeiten lassen sich Schritt für Schritt mühsam erlernen. Anderes wie beispielsweise Einfühlungsvermögen entzieht sich dagegen der Aufteilung in Einzelschritte: »Gelegentlich mag Ihr rationaler Geist Sie daran erinnern, eine Pause einzulegen oder offene Fragen zu stellen, aber selbst hier sind Ihre Pausen etwas zu lang, Ihre Fragen ein wenig zu pointiert. Alles in allem bleibt Ihre Leistung trotz ihrer guten Absichten unbeholfen und sprunghaft, die Karaoke-Version des Einfühlungsvermögens.«

Trotzdem wirkt es unfair, sich beim Studentenfutter nur die Rosinen herauszupicken. Wenn tatsächlich alle Anwesenden Rosinen lieber mögen als Nüsse, dann wäre eine gleiche Verteilung am gerechtesten. Doch Nüssefans freuen sich über die Rosinenpicker*innen. Sofern sie ihnen nicht pflichtbewusst die Nüsse wegessen, von denen sie irrtümlich glauben, dass sie sowieso keiner mag.

Nachfragen hilft. Oder eine Gallup-Umfrage über (Ess-)Vorlieben.

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