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Mathephobie

Wenn sich Schulfächer abwählen ließen, dann wäre Mathematik für viele die erste Wahl. Das entspricht den Erfahrungen des Rechenweltmeisters Gert Mittring:

»Meinen Beobachtungen zufolge mögen etwa 30 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen Mathe. Diese 30 Prozent haben oft technische Berufe, und es sind mehr Männer als Frauen. 40 Prozent verhalten sich eher neutral. Sie mögen Mathe und Rechnen nicht besonders, aber sie haben auch keine Angst davor. Und dann gibt es noch die mit einer ausgesprochenen Abneigung gegen Zahlen, um nicht zu sagen einer Mathephobie. Sie machen ebenfalls etwa 30 Prozent aus.«

Dabei sind die ersten Begegnungen mit Zahlen oft erfreulich. Sie tauchen in Abzählreimen auf oder auf Geburtstagstorten. Doch irgendwann trennen sich die Wege, obwohl sich die Zahlen nicht verändert haben.

Albrecht Beutelspacher vom Mathematikum ist ein beliebter Gast bei Talkshows, weil er Verständnis auch für Mathefremdelnde zeigt. Er stellt Überlegungen an, welche Gründe diese distanzierte Haltung haben könnte, geht der Frage nach: »Warum macht Mathematik Angst?« und vermutet: »Es gibt, soweit ich sehe, zwei Gründe. Der erste liegt in der Mathematik selbst.« Die Mathematik sei unbarmherzig, weil sie eine scharfe Grenze zwischen richtig und falsch zieht.

»Weil es in der Mathematik mit radikaler Schärfe um richtig oder falsch geht, gerät der Lehrer in Gefahr, zum Herr über richtig und falsch zu werden. Herr über richtig und falsch zu sein bedeutet, Macht zu haben und Macht auszuüben. Und Machtausübung in Lernprozessen führt fast zwangsläufig zu einem Klima der Angst. Und Angst ist ein Mechanismus, der Lernen garantiert blockiert.«

Gerne wird die Wichtigkeit der Mathematik als Gegenargument angeführt: Wie sähe eine Welt ohne Zahlen aus, ohne Handys, Computer oder Chipkarten? Das muss doch jede*r verstehen! Wenn nur der Verstand nicht so langsam wäre:

Der Neurowissenschaftler António Damásio stellte die Hypothese der somatischen Marker auf.

Der Verstand ist zwar gut im Planen und Abwägen, doch das dauert. Mindestens 900 Millisekunden. Die sogenannten somatischen Marker dagegen signalisieren innerhalb von 200 Millisekunden eine Einschätzung, die nicht weggedacht werden kann. Deshalb haben Argumente kaum eine Chance gegen ein mulmiges Gefühl. Für den somatischen Marker ist ein Thema schon längst abgehakt, wenn der Verstand seine sorgfältig zurechtgelegte Argumentation anbringen will.

»Ich habe Albträume wegen Mathe.«

»Aber Mathe ist doch wichtig. Denk an die Chipkarten!«

»Ach so. Dann habe ich jetzt keine Albträume mehr.«

Falls das nicht funktioniert, gibt es jedoch die Möglichkeit, auch mit den somatischen Markern zu reden – nur eben anders als mit dem Verstand.

Fortsetzung folgt…

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