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Wissenschaft

Sie ist ein Glücksfall für die Wissenschaft. Die Chemikerin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim lehnte ein Jobangebot von BASF ab, um sich ihrem Youtube-Kanal »schönschlau« zu widmen. Inzwischen heißen die Videos »MaiLab« und erklären in unterschiedlicher Länge die Welt. Schlecht für BASF, gut für Wissenschaftsinteressierte.

In ihrem neuen Buch »Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit: Wahr, falsch, plausibel? Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft« wagt sich Mai Thi Nguyen-Kim an kontroverse Themen wie Videospiele und Gewalt, Legalisierung von Drogen, Gender Pay Gap und brandaktuell die Sicherheit von Impfungen.

Das Thema Impfen ist es, das besonders wüste Anschuldigungen provoziert: Mai Thi Nguyen-Kims Befangenheit soll durch ihre Verbindungen zu Bill Gates oder zu ihrem Ehemann entlarvt werden. Die Wirklichkeit: Bill Gates hätte sie fast getroffen, als er mal das Forschungslabor besuchte, das Mai Thi Nguyen-Kim wenige Wochen zuvor verlassen hatte. Und ihr Mann? Der ist »auch Chemiker und arbeitet wie die meisten Chemiker als Chemiker.« Sehr verdächtig. Sie räumt ein: »Wenn ich die Geschichten über mich und meine angebliche Verbindung zu einer Art Impfmafia tatsächlich glauben würde, würde ich mich wahrscheinlich auch hassen.«

Als Kind präparierte Mai Thi Nguyen-Kim ihren aufziehbaren Spielzeugfrosch so, dass er ihren Bruder ansprang, wenn der den Frosch berührte. »Heute kommt es mir so vor, als seien wir überall von aufgezogenen Fröschen umgeben, die beim leichtesten Anstupsen explodieren. Das Internet hat nicht nur dazu geführt, dass jede und jeder eine öffentliche Stimme haben kann, sondern auch dazu, dass Banalitäten über Empörungsspiralen zu Shitstorms aufgeblasen werden, angefeuert von Trollen, die sich über solche Eskalationen freuen wie damals die kleine Mai, wenn dem Bruder der Frosch ins Gesicht sprang.«

Was also tun gegen explodierende Frösche? Mai Thi Nguyen-Kim gelingt es, sogar derart explosive Themen wie die Erblichkeit von Intelligenz zu versachlichen und zu entschärfen. »Doch all diese Gedanken basieren auf zwei Missverständnissen: einem großen Missverständnis über den Begriff ›Intelligenz‹ und einem noch viel dramatischeren Missverständnis über den Begriff ›Erblichkeit‹. Es wird auch fast das gesamte Kapitel dauern, um diese beiden Begriffe zu klären, aber hat man sie erst einmal verstanden, wird das Thema Erblichkeit von Intelligenz erstaunlich unkontrovers.«

Wissenschaftliche Allgemeinbildung ist das Anliegen von Mai Thi Nguyen-Kim. »Wenn Worte Gefühle hätten, dann wäre die Erblichkeit sicher sehr frustriert, wenn nicht sogar verbittert, da sie kaum jemand richtig versteht. Und mein Gott, wie viele unnötige Streitereien daraus entspringen!«

Wenn die Wissenschaft Gefühle hätte, dann wäre sie bestimmt dankbar, dass eine leidenschaftliche Wissenschaftlerin daherkommt, die mit eigenwilligen YouTube-Effekten und schön schlauen Analogien Heimspiele in der Chemie ebenso souverän bestreitet wie Auswärtsspiele in anderen Wissenschaftszweigen. Dabei demonstriert sie, wie logisches Schlussfolgern Fächer übergreift und nutzt jede Gelegenheit für Erklärungen über Statistik und Methodik. Im Gegensatz zu aufgeheizten politischen Streitereien vergleicht Mai Thi Nguyen-Kim wissenschaftliche Diskurse mit einem »wohltuenden Entspannungsbad.« Die Wissenschaft kann sich also ebenfalls entspannen und über die steigende Zahl der Wissenschaftsversteher*innen freuen.

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