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Veganuary Teil 2

Seine erste Geschichte veröffentlichte der erfolgreiche Kinderbuchautor Paul Maar vor über 50 Jahren. Sie handelt von Hänsel, von Gretel und von einer Hexe. Klingt altbekannt, doch die Perspektive ist ungewöhnlich.

In der »Geschichte vom bösen Hänsel, der bösen Gretel und der Hexe« erzählt ein Löwe einem Hund, wie die Hexe mit ihrer schwindenden Hexenkraft mühsam ihr Lebkuchenhaus schmückt.

»Das dauerte viele Wochen; jeden Tag musste die alte Frau in der Küche stehen und backen. Aber sie arbeitete unermüdlich und endlich war das Häuschen fertig.« Bis die gefräßigen Geschwister Hänsel und Gretel ihren Auftritt bekommen und das dekorierte Haus zerstören, haben die Leser*innen die Hexe bereits ins Herz geschlossen.

»Wenn das so ist«, überlegte der Hund, »dann möchte ich gerne einmal Rotkäppchen von einem Wolf erzählt bekommen!« Schriftsteller*innen wissen, was zu tun ist, damit wir mit Rotkäppchen mitfiebern und nicht mit dem Wolf.

Karen Duve beschreibt in ihrem Buch »Anständig essen. Ein Selbstversuch« ihren Weg von der gedankenlosen Allesesserin zur mitfühlenden Tierschützerin, die bei einer illegalen Rechercheaktion zur Hühnerhaltung ein verletztes Huhn rettet. Sie nennt es Rudi, nimmt es bei sich auf und pflegt es gesund.

Rückblickend stellt sie fest: »Auch unser Mitgefühl ist nicht jederzeit abrufbar, sondern wird nur bei auserwählten Gegenübern und in bestimmten Situationen angeknipst. Wenn wir bereit dazu sind, und wenn uns ein Schriftsteller geschickt um den Finger zu wickeln versteht, können wir sogar über jemanden, den es gar nicht gibt, über die erfundene Figur in einem Roman, Tränen vergießen.«

Dan Ariely erklärt das mit dem Einzelopfereffekt (Identifiable Victim Effect): »Warum springen wir aus dem Sessel, wenn ein einzelner Mensch unsere Hilfe braucht, während wir uns angesichts anderer Tragödien, die faktisch viel grausamer sind und bei denen es um viel mehr Menschen geht, nicht zum Handeln gedrängt fühlen?« Für Einzelschicksale wird eher gespendet als für anonyme Opfer. Wohltätigkeitsverbände nutzen diesen Effekt; »sie wissen, dass sie unsere Empathie ansprechen müssen, um unsere Geldbeutel zu öffnen, und dass sie am besten mit Beispielen individuellen Leids unsere Emotionen wecken können.«

Dennoch hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass ein Mehr an Informationen ausreicht, um aufzurütteln: »Wenn ich meine Studenten frage, was ihrer Ansicht nach die Leute dazu bringen könnte, etwas zu unternehmen, zu spenden und zu protestieren, antworten sie meist: ›So viel Informationen wie möglich‹ über den Umfang und die Dramatik der Situation.« Dass Dan Ariely daran nicht glaubt, deutet der beunruhigende Untertitel seines Buches an: »Wer denken will, muss fühlen. Die heimliche Macht der Unvernunft.«

Das Schicksal eines einzelnen Tieres weckt durchaus Mitgefühl (insbesondere wenn es niedlich ist und einen Namen trägt), das Schicksal unzähliger namenloser Tiere eher nicht. »Da die Einstellung, dass man Tiere essen darf, nicht durch Argumente gewonnen worden ist, ist sie mit Argumenten auch nur schwer wieder aus der Welt zu bringen. Schlechte Karten also für Tiere«, bedauert Karen Duve. »Ihr Leiden findet hinter Mauern und Wellblechwänden statt. Eventuell haben wir davon in der Zeitung gelesen, aber auch das ist schon länger her. Mit eigenen Augen haben wir es jedenfalls nicht gesehen.«

Trotzdem wird sie bei Lesungen zu beliebigen Themen auf ihr Buch »Anständig essen« angesprochen. Besonders wichtig scheint dabei die Frage nach dem Huhn Rudi zu sein. Rudi hat einen Namen und wird so zum identifizierbaren Einzelopfer.

Zum Glück rettet der Veganuary nicht nur Rudi, sondern auch die namenlosen Mithühner.

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