diskutier.bar

Veganuary Teil 4

Wer hätte gedacht, dass Veganismus so gefährlich ist? Die Wahrscheinlichkeit, zusammen mit einem Schwein auf einer einsamen Insel zu stranden, steigt ins Unermessliche: »Wenn es auf einer Insel nur ein Schwein gibt, würdest du es essen, um zu überleben?« Das werden Veganer*innen gerne gefragt, auch wenn unklar ist, was genau die Antwort belegen oder widerlegen soll. Vermutlich geht es darum zu beweisen, dass Veganer*innen gar nicht so tierlieb sind, wie sie behaupten.

Der Tierrechtler Michael Sutcliffe bekommt das folgende Dilemma präsentiert: »Zu Gast in der Talkshow von ›Ali G‹, einer Kunstfigur des britischen ›Borat‹-Darstellers Sacha Baron Cohen, wurde er gefragt, ob er bereit wäre, ein Huhn zu essen. ›Selbstverständlich nicht‹, empörte sich Sutcliffe. ›Und was ist‹, fragte Ali G, ›wenn ich sage: Essen Sie dieses Huhn, oder ich töte noch ein anderes Huhn?‹« (zitiert von Richard David Precht in »Tiere denken. Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen«)

Um diese abwegigen Szenarien zu entwerfen, ist eine beeindruckende Phantasie nötig, die auch sinnvoll eingesetzt werden könnte, um die eigene Ernährung tierfreundlicher zu gestalten. Denn den realen Schweinen ist es vermutlich egal, ob sie auf ausgedachten einsamen Inseln von ausgedachten Gestrandeten gegessen würden, solange sie in der Realität überleben.

Die vegane Klimaaktivistin Greta Thunberg wird in der schwedisch-norwegischen Talkshow »Skavlan« auf die Gerüchte angesprochen, die über sie kursieren. Sichtlich irritiert beschreibt sie ihr Unverständnis, dass jemand nichts Nützlicheres mit seiner Zeit anzufangen weiß, als sich über so etwas Gedanken zu machen. In einem Interview mit dem SPIEGEL sagt sie: »Die meisten haben gar keine Argumente; sie attackieren mich wegen meines Erscheinungsbildes oder der Diagnose.« Oder wegen ihres Alters: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro echauffierte sich über die Aufmerksamkeit, »die Medien einer Göre wie ihr zuschreiben.« Die »Göre« hatte die Ermordung von Einwohnern des brasilianischen Regenwalds verurteilt.

Als sich Astrid Lindgren gemeinsam mit der Tierärztin Kristina Forslund gegen Massentierhaltung einsetze, war sie 77 Jahre alt. Ihr wurde vorgeworfen, »Märchenomas sollten sich nicht in Dinge einmischen, von denen sie nichts verstehen« und »Tierschutz sei etwas, womit sich feine Damen mit dicken Hunden beschäftigen, aber nicht Autorinnen«. (Astrid Lindgren und Kristina Forslund: »Meine Kuh will auch Spaß haben. Ein Plädoyer gegen die Massentierhaltung«)

Natürlich spielt es für die Qualität eines Arguments keine Rolle, ob es von einer Jugendlichen vorgebracht wird, von einer feinen Dame, einer Märchenoma oder von einem »schönen und grundgescheiten und gerade richtig dicken Mann in seinen besten Jahren«, wie sich der »beste Karlsson der Welt« beschreibt. Doch welches sind die besten Jahre? Laut Ellen Winner argumentieren und handeln einige Grundschulkinder auf einem postkonventionellen moralischen Niveau, das viele Erwachsenen nie erreichen. Sie zu ignorieren, wäre unklug. Sie zu mobben, zeigt ihre moralische Überlegenheit noch deutlicher.

Logische Fehlschlüsse haben eine derart lange Tradition, dass sie beeindruckende griechische und lateinische Namen tragen. Die Aussage ist falsch, weil sie von einem Mädchen mit Zöpfen und Asperger-Diagnose stammt? Ein »argumentum ad personam« wie aus einem Lehrbuch für Scheinargumente. Im Gegensatz zum »argumentum ad hominem« hat es keinen Bezug zum Thema, sondern greift ausschließlich sachlich irrelevante persönliche Eigenschaften an.

Beim »performativen ad hominem« wird ein Widerspruch zwischen Argument und Verhalten gesucht. Wenn sich Veganer*innen schon nicht beim Fleischessen erwischen lassen, dann sollen sie wenigstens zugeben, dass sie das einsame Schwein auf der einsamen Insel essen würden, um den gewünschten Widerspruch zu liefern.

Doch auch wenn sie konsequent bleiben und das Schwein überlebt: Der Spruch »Für ihre Tofu-Würste holzen die Veganer den Regenwald ab« illustriert einen weiteren Fehlschluss, die falsche Dichotomie. Damit wird suggeriert, es gäbe nur zwei Möglichkeiten, sich zu ernähren, entweder von Fleisch oder von Tofu-Würsten.

Dass die Aussage nicht nur logisch, sondern auch inhaltlich fragwürdig ist, lässt sich leicht zeigen und schwer verstehen. Der Kopfrechenweltmeister Gert Mittring spricht von Flächenblindheit: »Fast niemandem scheinen Flächenangaben etwas zu sagen. Fast ist es, als würde jemand in einer fremden Sprache mit uns reden. Natürlich machen uns auch andere große Zahlen zu schaffen. Entfernungen beispielsweise können wir uns aber noch so ungefähr vorstellen, auch wenn das bei größeren Distanzen gar nicht so einfach ist. Doch wir wissen, dass 10000 Kilometer Entfernung bedeuten, dass wir lieber ins Flugzeug steigen sollten. Wir können also die Größe richtig einschätzen. Bei Flächen schaffen wir aber nicht mal das.« (Gert Mittring: »Von Pi nach Pisa. Mit Zahlen die ganze Welt verstehen«)

Die gemeinnützige Organisation »Veganuary« greift deshalb auf anschauliche Vergleiche zurück: »Um die globale Nachfrage nach Fleisch und Milchprodukten erfüllen zu können, werden jedes Jahr Unmengen jahrhundertealter Regenwälder abgeholzt – und zwar 13 Millionen Hektar Wald jährlich – das entspricht 35 Fußballfeldern pro Minute«.

Auch große Wassermengen sind schwer vorstellbar. Karen Duve zitiert in ihrem Buch »Anständig essen. Ein Selbstversuch« das Gespräch mit ihrer Mitbewohnerin: »›Hast du eine Ahnung, wie viel Wasser man braucht, um ein Kilogramm Rindfleisch zu erzeugen?‹ – es folgt eine völlig irrwitzige Zahl, 15 000 Liter oder so ähnlich.« Deshalb schreibt Veganuary: »Wusstest du, dass man ca. 3 000 Liter Wasser benötigt, um nur einen einzigen Hamburger zu produzieren?! Das entspricht in etwa dem Wasserverbrauch von sechzigmal duschen.« Die Zahl 15 000 ist also zwar irrwitzig, aber eben auch korrekt – ein Kilogramm Rindfleisch entspricht dem Wasserverbrauch von dreihundertmal duschen.

Das alles ist anschaulich und passiert auch nicht auf imaginären Inseln, sondern direkt auf diesem Planeten, so dass direkte Konsequenzen möglich sind. Wie beispielsweise die Teilnahme am Veganuary.

Wir freuen uns auf Anregung und Empfehlungen von Lehrenden und Lernenden (wer ist das nicht?!) per Mail oder einfach hier im Kommentarfeld.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.