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NaNoWriMo Tag 27

Die Angst vor dem leeren Blatt ist ein verbreitetes Phänomen. Dabei beißen leere Blätter nicht und sind etwa so ungefährlich wie Lampen. »Lampenfieber? Lampenfieber kenne ich nicht«, zitiert der Journalist Wolf Schneider einen Festredner. »Wirklich, die Lampen irritieren mich überhaupt nicht. Sie sind es, das Publikum, das mich in Panik versetzt.«

Doch auch das Publikum ist üblicherweise harmlos und meistens unbewaffnet. Es handelt sich also eher um Angst vor einer negativen Bewertung: Halten die Zuhörer*innen den Redner für inkompetent? Für langweilig? Für unsicher?

Beim Schreiben gibt es noch nicht mal Publikum, nur die vorgestellten Leser*innen. Wer keine Lesungen veranstaltet, bekommt sie niemals zu sehen. Der Festredner kann möglicherweise an der Mimik und am Verhalten erkennen, wie sein Vortrag ankommt. Wenn Zuhörer*innen buhen, ihn mit Tomaten bewerfen oder den Saal verlassen, ist das kaum zu ignorieren.

Dagegen sieht niemand, ob Leser*innen einen Text zu Konfetti verarbeiten oder Papierflieger damit bauen, weil er ihnen missfällt. Oder vielleicht sind sie ja ganz im Gegenteil so begeistert, dass sie Zitate daraus mit Kalligraphiefeder und Goldfarbe auf Büttenpapier pinseln. Auch das würden die Autor*innen nicht erfahren.

Beides sind nicht gerade alltägliche Reaktionen. Die Realität liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen – und vor allem in der Zukunft. Deshalb lassen sich ohnehin nur Spekulationen anstellen, die vermutlich mehr mit dem Selbstbild der Autor*innen zu tun haben als mit der Qualität ihrer Texte.

Entscheidender als die mögliche Reaktion der Leser*innen ist die Frage, ob die Phantasien darüber fürs Schreiben eher hilfreich oder eher hinderlich sind. Angst vor Kritik hemmt beim Schreiben, aber da sie aufdringlich ist, lässt sie sich nicht so leicht loswerden. Auch nicht auf Befehl.

Zwar versichern Historiker*innen überzeugend, dass das berüchtigte Zitat vom Brot und vom Kuchen gar nicht von Marie-Antoinette stammt, sondern nur gut erfunden ist. Der beliebte Satz »Du musst doch keine Angst haben« ist für einen Menschen mit Angst aber auch nicht hilfreicher als der Satz »Du kannst doch Kuchen essen« für einen Menschen ohne Kuchen. Hab keine Angst – hab Kuchen – wenn das immer so einfach wäre!

Wohin also mit der Angst?

Fortsetzung folgt…

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