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NaNoWriMo Tag 5

Der Schreiblehrer Lajos Egri unterscheidet zwischen statischen und sich entwickelnden Konflikten. Wenn ein Konflikt statisch wird, ist das so langweilig, wie es klingt. Wer will schon zwei Figuren beim endlosen Streiten und Nörgeln zuhören? Sprunghafte Konflikte eskalieren unmotiviert und abrupt. Das wirkt melodramatisch und verwirrt die Leser*innen. Entwickelt sich der Konflikt dagegen allmählich, bringt er vielfältige Charaktereigenschaften der Figuren zum Vorschein. Die Hindernisse werden immer größer, der Druck wird immer stärker. 

Auf die Frage, worum es in einer Geschichte geht, nennen Leser*innen üblicherweise den zentralen Konflikt. Mensch gegen Natur, Mensch gegen Mensch, Mensch gegen Gesellschaft, Mensch gegen sich selbst, Mensch gegen Schicksal, Mensch gegen Fisch… In einem komplexen Buch existieren noch zahlreiche weitere Konflikte, doch der zentrale Konflikt ist leicht zu erkennen. 

Das gilt auch für die Prämisse eines Buchs. Für James N. Frey ist eine Prämisse nichts anderes als »der Kern, das Herz, das Zentrum, die Seele all dessen, was Sie zum Ausdruck bringen. Hat jede spannende Geschichte ihre Prämisse? Ja. Eine und nur eine Prämisse? Ja.«

Der amerikanische Poet William Knott empfiehlt jedoch, nicht mit der Prämisse anzufangen, sondern mit Figuren, »die Sie an den Schreibtisch zwingen, indem sie darauf bestehen, dass Sie ihre Geschichte erzählen.« Dann fehlt noch der passende Konflikt und die Überlegung, wie es weitergehen könnte.

Von der Prämisse eines Sachbuchs erwarten Leser*innen Beweismaterial, das in der wirklichen Welt überprüft oder widerlegt werden kann. In einem fiktiven Werk dagegen muss die Prämisse nur für genau dieses Werk gelten. Eine Realitätsprüfung ist nicht nötig.

Im Märchen können Wölfe, Spiegel und Apfelbäume sprechen, Teppiche fliegen, und Tischlein decken sich selbst. Doch auch in Romanen ist die Prämisse nicht beweisbar oder bestreitbar. Man könnte einen Roman mit der Prämisse »Konflikte sind ein Segen« schreiben und anschließend einen zweiten Roman mit der Prämisse »Konflikte führen ins Verderben«. Beides ist wahr – genau bis zur jeweils letzten Seite des Romans.

Wie treu jedoch viele Autor*innen ihren Prämissen bleiben, demonstriert der kanadische Cartoonist John Atkinson. Er reduziert Klassiker auf ihre Grundannahme, beispielsweise Lew Tolstois Anna Karenina (»Das Leben ist trostlos«), Krieg und Frieden (»Das Leben ist trostlos«) und Der Tod des Iwan Iljitsch (»Das Leben ist trostlos«). Zum Glück ist das ja nur fiktiv.

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