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NaNoWriMo Tag 10

Die Erzählperspektive bestimmt das Verhältnis zwischen den literarischen Geschöpfen und ihren Schöpfer*innen. Sind die Autor*innen unsichtbare Augenzeug*innen, die einen objektiven Bericht über alles schreiben, was sie beobachten oder können sie allwissend und gottgleich die Gedanken und Gefühle der Figuren enthüllen? 

Die objektive Erzählperspektive eignet sich allenfalls für Detektivromane, denn sie verleiht den Figuren etwas Geheimnisvolles. Die Leser*innen sehen, was passiert, doch sie können Pläne und Motive nur aus dem Verhalten ableiten. Wie im richtigen Leben. 

Die modifizierte objektive Erzählperspektive ermöglicht den Leser*innen, etwas vertrauter mit den Figuren zu werden. Zwar kennen die Autor*innen nicht die inneren Vorgänge der Figuren, doch sie stellen Vermutungen darüber an. Manchmal sind die Vermutungen falsch, ebenfalls wie im richtigen Leben. Dann spricht man von unzuverlässigen Erzähler*innen. 

Ich-Erzähler*innen schreiben aus der subjektiven Perspektive. Sie können die Protagonist*innen sein, die Antagonist*innen oder jede andere Figur. Für Anfänger*innen ist es naheliegend, diese Perspektive zu wählen, denn so erzählt man ja auch im richtigen Leben. Außerdem wirkt die Geschichte dann glaubwürdiger.

Allerdings sind die Ich-Erzähler*innen enorm eingeschränkt und an ihre Figur gekettet, können nur sehen, was sie sieht, denken, was sie denkt und dorthin gehen, wohin sie geht.

Alles andere wissen Ich-Erzähler*innen bloß aus zweiter Hand. Aber ist es überhaupt realistisch, dass eine andere Figur der Ich-Figur davon erzählt? Eher nicht, wenn es sich um ein Geheimnis handelt oder die beiden gar nicht miteinander reden.

Einfacher haben es die auktorialen Erzähler*innen in ihrer Allwissenheit. Sie können nicht nur die Gedanken aller Figuren lesen, sondern auch in die Vergangenheit und in die Zukunft blicken. Durch die ständig wechselnden Perspektiven fällt es den Leser*innen jedoch schwer, sich mit einzelnen Figuren zu identifizieren.

Bleiben die eingeschränkten auktorialen Erzähler*innen. Einige ausgewählte Figuren werden zu personalen Erzähler*innen. Die Leser*innen begleiten sie, bis eine andere Figur im Mittelpunkt der Handlung steht.

Dadurch wechselt die Perspektive selten. Wenn nur eine einzige Figur zum personalen Erzähler wird, ähnelt dies der Ich-Erzählung, aber es kann auch von Ereignissen berichtet werden, die dieser Figur nicht bekannt sind.

Erst nach der Entscheidung für eine Erzählperspektive kann sinnvollerweise mit dem Schreiben begonnen werden. Doch nach welchen Kriterien soll man die Entscheidung treffen? Statt abstrakt nach der passenden Perspektive zu fragen, könnte die Frage lauten: »Wer kann diese Geschichte am besten erzählen?«

Und wenn auch diese Frage schwierig zu beantworten ist, lohnt es sich, mehrere Perspektiven auszuprobieren. Beim Nachlesen wird klar, wer am glaubwürdigsten klingt. Diese Figur bekommt das Wort.

Wir freuen uns auf Anregung und Empfehlungen von Lehrenden und Lernenden (wer ist das nicht?!) per Mail oder einfach hier im Kommentarfeld.

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