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Pi mal Daumen

Mnemosýne war die griechische Göttin der Erinnerung, und da Gedächtnistechniken auf das antike Griechenland zurückgehen, werden sie »Mnemotechniken« genannt. Das klingt nicht nach hochmoderner Gehirnforschung mit funktioneller Magnetresonanz-Tomographie oder Elektroenzephalographie. Und doch nutzen Gedächtniskünstler*innen auf der ganzen Welt noch immer diese uralten Methoden.

Die Techniken basieren auf einem einfachen Prinzip: Inhalte werden in Bilder umgewandelt, die das Gehirn besser verknüpfen kann als Fakten. Je skurriler diese Bilder sind, umso besser lassen sie sich merken.

Besonders beliebt ist bei Gedächtniskünstler*innen die irrationale Kreiszahl mit dem griechischen Namen Pi und mit unendlich vielen Stellen. Wer in den Verein »Freunde der Zahl Pi« aufgenommen werden will, muss 100 Nachkommastellen von Pi auswendig aufsagen können, und auch das funktioniert am besten, indem man sich Bilder statt Zahlen merkt.  

Zunächst werden die Ziffern von 0 bis 9 durch Bilder ersetzt, die entweder der Ziffer ähnlich sehen oder die Anzahl repräsentieren, zum Beispiel:  

0 – Ei  
1 – Kerze  
2 – Schwan 
3 – Dreirad  
4 – Hund 
5 – Hand  
6 – Würfel  
7 – sieben Zwerge 
8 – Achterbahn  
9 – Kegel 

Diese Bilder werden zu einer Geschichte verbunden, wobei jedes Bild mit dem nächsten verknüpft wird. Die Geschichte muss nicht sinnvoll oder spannend sein. Vermutlich wäre es auch gar nicht einfach, sich eine spannende Geschichte auszudenken, wenn die Protagonisten sieben Zwerge, ein Hund und ein Schwan sind.

Wer noch ehrgeiziger ist, kann das Major-System ausprobieren, das den Zahlen von 0 bis 99 Bilder zuordnet. Die Besetzung bietet wesentlich mehr Gestaltungsmöglichkeiten, wenn Mnemosýnes Kollegen Thor (14) und Zeus (00) auftreten, außerdem Johann Wolfgang Goethe (71) und Heinrich Böll (95), Noah (2) und Buddha (91), eine Nonne (22) und ein Narr (24), ein Riese (40) und eine Fee (8). Sie essen Tofu (18) und Sushi (06), kleiden sich in Tüll (15) und Seide (01) und spielen Duette (11) oder Schach (66).

Für die Zahl Pi π=3,14159265358979323846 bedeutet das:

Die Nachkommastellen werden zu zweistelligen Zahlen zusammengefasst, also 14 15 92 65 35 89 79 32 38 46 und den passenden Begriffen zugeordnet. 

Die Geschichte handelt von Thor (14) im Tüll (15), einer Biene (92) mit Schal (65), einer e-Mail (35) an einen V.I.P. (89), von einer Kappe (79) auf der Mähne (32) und der Möwe (38) in der Arche (46). 

Woher kommen diese Begriffe? 

Alle 10 Ziffern werden durch Konsonanten repräsentiert, zum Beispiel 

N = 2
M = 3
R = 4 
L = 5

Dann werden zwei Konsonanten mit beliebigen Vokalen zu einem Wort verbunden. Fast immer gibt es mehrere Möglichkeiten, unter denen sich genau die wählen lässt, die am besten zur Geschichte passt. L (5) und B (9) werden je nach Genre zu »LieBe« oder »aLiBi«, R (4) und CH (6) zu »RaCHe« oder »aRCHe«.

Wir freuen uns auf Anregung und Empfehlungen von Lehrenden und Lernenden (wer ist das nicht?!) per Mail oder einfach hier im Kommentarfeld.

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