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Flynn-Effekt

Früher war alles besser? Oder schlechter? Die persönliche Einschätzung hängt von den eigenen Werten ab. Die Wissenschaft dagegen verweist auf objektive Zahlen.

Dem Politikwissenschaftler James Flynn fiel auf, dass Tests zur kognitiven Leistungsfähigkeit immer besser gelöst wurden. Wurden die Menschen also immer klüger? Dieser nach ihm benannte Flynn-Effekt wurde unterschiedlich begründet: Genetisch haben sich die Menschen nicht verändert. Bildung, Ernährung und medizinische Versorgung wurden dagegen im 20. Jahrhundert besser.

Doch in den 1990er Jahren stagnierte dieser Trend und kehrte sich in einigen Ländern sogar um. Wieder gibt es viele Spekulationen. Jeder mögliche Grund legt bildungspolitische Konsequenzen nahe.

Umweltgifte könnten einen Einfluss haben, und sicherlich spricht nichts dagegen Gifte zu reduzieren. Doch welche weiteren Einflüsse gibt es? Genetischen Gründe konnten nicht gefunden werden, denn sogar innerhalb von Familien nahmen die Leistungen ab.

Der Neuropsychologe Lutz Jäncke nannte sein Buch »Von der Steinzeit ins Internet« und deutet eine Entwicklung an, auf die das menschliche Gehirn von der Evolution nicht vorbereitet wurde. Pro Sekunde kann es ca. 11 bis 60 Bit bewusst verarbeiten. Tatsächlich bombardieren uns aber durchschnittlich 11 Millionen Bit pro Sekunde. Es kommt also darauf an, sich auf die wesentlichen Informationen zu fokussieren und Ablenkungen auszublenden, die attraktiv aber irrelevant sind.

Zwar konnten wir früher auch nicht mehr Außenreize verarbeiten. Doch laut Lutz Jäncke gibt es einen linearen Zuwachs von Informationen und einen exponentiellen Zuwachs von Bullshit.

An der Universität Stanford wurden 500 Studierende für einen Intelligenztest in drei Gruppen eingeteilt. Der ersten Gruppe wurden die Smartphones abgenommen. Die zweite Gruppe musste sie ausschalten. Die dritte Gruppe durfte sie eingeschaltet lassen. Diese schnitten am schlechtesten ab, und sogar die zweite Gruppe mit ausgeschalteten Smartphones war deutlich schlechter als die erste Gruppe ohne Smartphones.

Machen Smartphones also dumm? Das wäre eine dumme Schlussfolgerung. Doch abgelenkte Menschen zeigen tatsächlich schlechtere Leistungen.

Die Menschen haben schon immer versucht, sich durch technische Erfindungen die Arbeit zu erleichtern. Darunter litt die Muskelkraft, das Kopfrechnen oder das Orientierungsvermögen. Doch das scheint Platz für neue Fähigkeiten zu schaffen.

Da das Gehirn aber kein statisches Organ ist, wird es nicht mit Wissen gefüllt wie ein Gefäß. Wissen raubt also nicht Platz im Gehirn, sondern es hilft beim differenzierten Denken. Sogar für die Interaktion mit Suchmaschinen ist Wissen nötig, weil Fragen dann präziser formuliert werden können. Lutz Jäncke plädiert für mehr Selbstdisziplin.

Das ist keine revolutionär neue Forderung. Vielleicht hat sich die Menschheit ja weniger verändert, als behauptet wird?