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Bullshit

Viele verwenden den Kraftausdruck zum Fluchen. Der Philosoph Harry Frankfurt wollte es genauer wissen. Im Jahr 2005 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel »On Bullshit«. Er schrieb: »Zu den auffälligsten Merkmalen unserer Kultur gehört die Tatsache, dass es so viel Bullshit gibt. Jeder kennt Bullshit. Jeder trägt sein Scherflein dazu bei. Und doch neigen wir dazu, uns damit abzufinden.«

Seine Definition lautet: »Jemand redet Bullshit, wenn er so tut, als wäre ihm dabei an der Wahrheit gelegen, es ihm aber tatsächlich um etwas anderes geht. Die Wahrheit ist ihm egal, er möchte vielleicht einen guten Eindruck machen oder seinen Adressaten zu etwas bewegen.«

Er unterscheidet zwischen Bullshit und Lüge: Wer lügt, dem ist die Wahrheit so wichtig, dass er sie verbergen will. Wer Bullshit redet, der interessiert sich nicht für die Wahrheit: »Der Lügner und der Wahrhaftige spielen dasselbe Spiel auf verschiedenen Seiten. Der Bullshitter spielt ein völlig anderes Spiel. Er ist weder für die Wahrheit noch gegen sie, er schert sich nicht um sie.«

Nikil Mukerji ist ebenfalls Philosoph. In philosophischen Seminaren klingt der Bullshit so: »Das Nichts richtet.« (Martin Heidegger) Bei seiner Arbeit in einer Bank war der Bullshit eher manipulativ, um Finanzprodukte zu verkaufen.

Inzwischen engagiert er sich bei der gemeinnützigen Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Dort berichtet er in einem Vortrag von der Sokal-Affäre: Der Physiker Alan Sokal hatte einen Bullshit-Artikel mit dem Titel »Die Grenzen überschreiten: Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation« geschrieben, mit komplizierten Sätzen und hochtrabenden Wörtern. Er baute absichtlich zahlreiche logische und inhaltliche Fehler ein. Diese pseudowissenschaftliche Parodie wurde von einer sozialwissenschaftlichen Fachzeitschrift abgedruckt.

Wodurch entsteht überhaupt Bullshit? Harry Frankfurt sagte, wenn jemand gezwungen sei, etwas zu sagen, womit er sich nicht auskennt, bestehe Bullshitgefahr. Anstatt Unwissen zuzugeben, erscheine es vorteilhafter, Bullshit zu produzieren.

Mit Bullshit verstößt man laut Harry Frankfurt gegen den Grundsatz der Wahrhaftigkeit. Nikil Mukerji kann sich allenfalls vorstellen, dass Prüfungssituationen Bullshit-Antworten legitimieren. Wie Hellseher*innen verwenden die Prüflinge allgemeine Floskeln und passen sie an die Reaktionen der Prüfer*innen an. Bei schriftlichen Tests dagegen bleibt nur das Raten.

Ein amerikanischer Schüler antwortete auf die Frage »Wie hieß die Frau von Orpheus, die er aus der Unterwelt zu retten versuchte?« mit »Mrs Orpheus«.

Für den hochmoralischen Immanuel Kant war entscheidend, ob jemand durch Bullshit getäuscht wird. Andernfalls sei er harmlos.

Mrs Orpheus war also harmloser mythologischer Bullshit.