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Fabeln

Fabeln werden verfasst, um die Leser*innen zu belehren. Auch die unbelehrbaren.

Denn da Menschen nicht vorkommen, können die menschlichen Leser*innen so tun, als wären sie gar nicht gemeint. Es ist ja der Wolf, der sich gierig verhält, das Lamm ist naiv und der Hase vorlaut.

Die Tiere erfüllen holzschnittartig alle Klischees. Ein freundlicher Wolf wäre so unglaubwürdig wie eine flinke Schildkröte. Sie stolpern über ihre Schwächen oder spielen ihre Stärken aus. Und wer die tierische Moral nicht erkennt, bekommt sie im Schlussteil vieler Fabeln ein weiteres Mal um die Ohren gehauen. Zum Beispiel in der Fabel vom schnellen Hasen und der langsamen aber unbeirrbaren Schildkröte von Äsop.

Die Schildkröte hätte kaum eine Chance, ein Wettrennen zu gewinnen, wenn nicht der Hase so siegesgewiss wäre, dass er die Zeit vertrödelt, die Zuschauer mit Kapriolen unterhält und schließlich sogar einschläft. Da er sich bei seinen Showeinlagen über die Schildkröte lustig macht, feuern vermutlich die meisten Leser*innen schon seit dem 6. Jahrhundert vor Christus das benachteiligte Kriechtier an und freuen sich über den Sieg.

»Die Moral der Fabel war, dass der Langsame, aber Stetige das Rennen gewinnt. Aber wollte wirklich jemand von uns so sein wie die Schildkröte? Nein, wir wollten so sein wie der Hase, nur schlauer. Wir wollten schnell sein wie der Wind, aber anders als der Hase wollten wir ein bisschen strategischer vorgehen und zwischendurch kein Nickerchen einlegen. Schließlich weiß doch jeder, dass man laufen muss, um zu gewinnen! Die Geschichte vom Hasen und der Schildkröte soll vermitteln, wie wichtig es ist, sich anzustrengen, doch sie bewirkt das genaue Gegenteil. Sie bestätigt das Vorurteil, dass sich nur Menschen ohne Talent anstrengen müssen und dass diese Langweiler sich nur dann zum Sieg mogeln können, wenn talentierte Menschen gerade keine Lust haben.«

So begründet Carol Dweck ihre Vorbehalte gegen diese Fabel. Sie selbst wollte als Kind jedenfalls nicht sein wie die Schildkröte:

»Fabelhelden wie die Schildkröte sind sicher ganz putzig, sie stehen vor scheinbar unüberwindbaren Widerständen und wir freuen uns für sie, wenn sie am Ende trotzdem Erfolg haben. Ich erinnere mich, dass ich sie als Kind sehr gemocht habe – aber identifizieren wollte ich mich nie mit ihnen. Die Botschaft dieser Geschichten war, wenn du das Pech hast, klein und schwächlich zu sein, dann bist du nicht automatisch ein völliger Versager. Du kannst es immer noch zu einem niedlichen kleinen Trottel bringen, und vielleicht, wenn du dich wirklich anstrengst und die Verachtung der anderen überhörst, kannst du sogar ein bisschen Erfolg haben. Vielen Dank, das war nicht meine Geschichte.«

Eine einzelne Fabel prägt noch nicht das Weltbild der Kinder. Die Moral ist jedoch allgegenwärtig.

»Die Schwäche solcher Geschichten ist, dass sie nur ein Entweder-oder kennen. Entweder ich habe Talent oder ich muss mich anstrengen. Das sind genau die Gegensätze von Menschen mit einem statischen Selbstbild. Anstrengung ist etwas für Nichtskönner: ›Wenn sich jemand etwas erarbeiten muss, dann deshalb, weil er es nicht drauf hat.‹ Und: ›Echten Genies fällt alles in den Schoß.‹«

Scheinbar mühelos zustande gekommene Leistungen werden höher bewertete als solche, die durch Anstrengung erreicht werden. Und wer sowieso nicht sein Bestes gegeben hat, kann sich das Scheitern leichter schönreden.

Statt der angekündigten Moral folgt die Fortsetzung. Mit Moral, versprochen.

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