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Illusionen
Vor rund 2400 Jahren verfasste Platon sein berühmtes Höhlengleichnis. Darin geht es um Menschen, die ihre Illusionen für die Wahrheit halten. Die Gefangenen sehen in ihrer Höhle nur Schatten an der Wand und glauben, das seien echte Dinge. Erst wenn jemand die Höhle verlässt, durchschaut diese Person das Schattenspiel. In der Psychologie können solche Illusionen wissenschaftlich erforscht werden, die vor unbequemen Wahrheiten schützen und das Selbstwertgefühl erhöhen. Zunächst glaubte man, dass es ein Zeichen psychischer Gesundheit wäre, einen besonders realistischen Blick auf sich und die Welt zu haben.
Im Jahr 1988 schrieben Shelley Taylor und Jonathan Brown: »Der psychisch gesunde Mensch scheint die beneidenswerte Fähigkeit zu haben, die Realität in einer Weise zu verzerren, die das Selbstwertgefühl stärkt, den Glauben an die eigene Leistungsfähigkeit aufrechterhält und eine optimistische Sicht auf die Zukunft fördert.« Sie sprachen von positiven Illusionen. Richard Robins und Jennifer Beer griffen diesen Begriff im Jahr 2001 auf und überschrieben ihren Artikel über Selbsttäuschungen mit dem Titel »Positive Illusionen über sich selbst. Kurzfristiger Nutzen und langfristige Kosten«.
Zu den bekanntesten Illusionen gehört der Glaube, »besser als der Durchschnitt« zu sein: Intelligenter, freundlicher und moralisch überlegen. Eine britische Studie zeigte, dass auch Strafgefangene sich für moralischer hielten als der Durchschnitt. Der »Dunning-Kruger-Effekt« wird ebenfalls häufig zitiert. Er besagt, dass gerade inkompetente Menschen ihr Können überschätzen, während zunehmende Fähigkeiten zu Selbstunterschätzung führen. »Der Jammer an der Menschheit ist, dass die Narren so voller Selbstsicherheit sind und die Gescheiten so voller Zweifel.«, schrieb der britische Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell.
Der Glaube an die gerechte Welt ist tief verwurzelt. Früher vermuteten viele Menschen eine Strafe Gottes, wenn jemand in Not geriet. Heute wird eher behauptet, die Person hätte ihr Unheil »angezogen« oder »manifestiert«. Solche Erklärungen vermitteln ein Gefühl von Kontrolle, führen jedoch dazu, Leid zu verharmlosen und Betroffene für ihr Schicksal verantwortlich zu machen.