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lebenslanges Lernen

Als Kimani Maruge in Kenia aufwuchs, hatte er nicht die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Im Jahr 2003 schaffte die kenianische Regierung das Schulgeld für Grundschulen ab. Kimani Maruge sah seine Chance gekommen, endlich das Lesen und Schreiben zu lernen. Er war 84 Jahre alt.

»Man lernt nie aus«, heißt ein Sprichwort. »Früh übt sich, wer ein Meister werden will«, ein anderes. Zwar haben beide einen wahren Kern, sind aber Redensarten ohne wissenschaftlichen Anspruch. Der Hirnforscher Martin Korte räumt mit Mythen über das lebenslange Lernen und erklärt, warum nicht nur Kimani Maruge gute Chancen hat, Neues zu lernen. Im 20. Jahrhundert hat sich die Lebenserwartung drastisch erhöht. Viele unbewiesene Überzeugungen über das Lernen stammen dagegen noch aus früheren Jahrhunderten.

Wie gut wir auch nach der Schule und Ausbildung lernen, bestimmen wir zu einem großen Teil selbst. »Das Gehirn gehört zu den Organen, welche im ›abgeschalteten Zustand‹ schneller altern, also dann, wenn wir fernsehen, dösen, reine Routinen bewältigen und uns, egal in welcher Situation, passiv verhalten. Umso mehr sollten wir das Gehirn und alles, was es kann und uns ein Leben lang ermöglicht hat, schützen und seine Fitness erhalten. Leider kann uns dabei weder ein Schönheitschirurg noch ein Apotheker helfen, aber – und das ist die gute Nachricht – wir können selbst einiges dafür tun.«

Bereits die eigene Erwartungshaltung an das kognitive Altern wirkt sich auf die geistige Leistungsfähigkeit aus. Das macht die Vorurteile über das lebenslange Lernen besonders gefährlich.

Alle Lebewesen haben die Fähigkeit, sich an neue Situationen anzupassen. Dabei hat das Gehirn die komplizierte Aufgabe zu erfüllen, gleichzeitig Sinnesinformationen zu verarbeiten und Erinnerungen abzuspeichern. Viele Menschen glauben, Alter bedeute automatisch Gedächtnisverlust. Jüngere Menschen erklären die eigene Vergesslichkeit eher mit Stress. Ältere Menschen dagegen sind schon bei kleinen Gedächtnislücken verunsichert. Das Gedächtnis ist nicht nur die Grundlage für intellektuelle Fähigkeiten, sondern ist auch mit persönlichen Geschichten, Erfahrungen und Interessen verknüpft.

Die Gedächtnisleistung hängt von der Aufgabe und der geforderten Geschwindigkeit ab. »Was mit zunehmendem Alter tatsächlich schwieriger wird, ist der präzise Abruf von Fakten und das Erlernen neuer Inhalte in kurzer Zeit.«

Dabei spielt die Motivation eine wichtige Rolle. »Im Alter fehlt es häufiger an Neugierde, an Aufmerksamkeit und an der richtigen Lernstrategie. Die mangelnde Lust auf Neues wie die Abnahme der Aufmerksamkeit hängen damit zusammen, dass die Anzahl der Nervenzellen im Gehirn, die mit Dopamin arbeiten, im Zuge des Alterungsprozesses abnehmen.

Das bedeutet nicht, dass ältere Menschen gar nicht neugierig wären, wie Kimani Maruge zeigte. »Ältere Menschen müssen sich stärker aufraffen, Neues zu wagen. Und sie sind generell weniger risikofreudig.«