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prozedurales Gedächtnis

»Was man gelernt hat«, heißt es zum Trost oder als Warnung, »kann man auch wieder verlernen.« Aber ist das wirklich so leicht? Wer im Winter nach langer Pause wieder auf Schlittschuhen steht, stellt sich zunächst möglicherweise unbeholfen an, doch muss das Eislaufen nicht von vorne erlernen. Das sogenannte prozedurale Gedächtnis speichert Fähigkeiten und Abläufe, die sich kaum sprachlich wiedergeben lassen. Auch das Fahrradfahren wird nicht theoretisch gelernt.

Im Jahr 2015 veröffentlichte der Amerikaner Destin Sandlin ein Video, das ihn mit einem besonderen Fahrrad zeigte. Wenn er nach links lenkte, fuhr es nach rechts und umgekehrt. Es dauerte Monate, bis er damit fahren konnte. Anschließend gelang es ihm nicht mehr, mit seinem normalen Fahrrad zu fahren.

Das Gelernte wurde also mühsam überschrieben. Ein Verlernen quasi auf Knopfdruck ist nicht möglich. Beim Neulernen von Bewegungen oder Sprachen konkurrieren alte Programme mit neuen, bis das neue stabiler ist. Bei emotionalen Lerninhalten ist das besonders schwierig. Viele Menschen haben lebhafte und detailreiche Erinnerungen an ein Ereignis, das entweder für sie persönlich bedeutsam war oder das Weltgeschichte geschrieben hat.

Die Aufforderung, zu vergessen, was am 11. September passiert ist, wäre unsinnig. Bewusstes Verdrängen funktioniert nur begrenzt und kann die Erinnerung sogar noch stärker machen. Allerdings kann das Ereignis mit der Zeit an emotioaler Intensität verlieren.