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Routenmethode
»Das ist doch viel zu umständlich!«, gehört zu den häufigsten Einwänden gegen die sogenannte Routenmethode. Bei Gedächtnissportler*innen ist sie dagegen eine beliebte Gedächtnistechnik, um sich Inhalte zu merken und in der korrekten Reihenfolge wiederzugeben. Für den Gedächtnisweltmeister Boris Nikolai Konrad ist sie die wirkungsvollste Methode: »Dass wir uns Wege und Orte gut merken können, lässt sich anhand der menschlichen Evolution leicht nachvollziehen. Als unsere Vorfahren noch nicht in Städten gelebt haben, sondern als Nomaden umhergezogen sind, kam es vor allem darauf an zu wissen, wo Wasser und Nahrung zu finden sind, an welchen Orten eine sichere Unterkunft gegeben ist und wo Gefahren drohen.«
Bei der Routenmethode geht es darum, sich einen Weg einzuprägen und in der Vorstellung auf den Wegpunkten Dinge abzulegen, die man sich merken will. »Aber dann muss ich mir doch doppelt so viel merken, den Weg und die Inhalte!« Noch so ein Einwand. Allerdings ist der Weg schon bekannt. Gedächtnisprofis arbeiten auch mit virtuellen Gedächtnispalästen, also fiktionalen Gebäuden, die nur in ihrer Fantasie existieren und sich deshalb beliebig erweitern lassen. Das kann tatsächlich ein Palast sein, ein Flughafen oder ein Einkaufszentrum. Boris Nikolai Konrad hat alleine drei Routen mit je 50 Punkten im Kaufhaus Harrods in London. Für Anfänger*innen sind gut bekannte Orte besser geeignet, beispielsweise die eigene Wohnung. Also ist bekannt, was zu sehen ist, wenn man die Haustür öffnet, wo die Schuhe abgestellt werden und wo man sich die Hände wäscht. Auch der Weg zur Schule oder zur Arbeit ist gut geeignet.
Boris Nikolai Konrad schreibt: »Die wichtigste Erkenntnis lautet, dass die Routen als Werkzeug dienen und vorbereitet werden müssen! Es ist nicht sinnvoll, parallel zum Lernen einen Weg zu erfinden.« Eine Route lässt sich mit dem Alphabet vergleichen, das als Hilfe beim Finden von Informationen dient, aber nicht erst während der Ablage gelernt wird, sondern bereits bekannt ist.
Ein Vorteil der Routenmethode gegenüber dem Alphabet ist jedoch, dass die meisten Menschen einen bekannten Weg in der Vorstellung vorwärts und rückwärts abgehen können, aber das Alphabet nur vorwärts aufsagen können.
Sie hat sich bereits seit langer Zeit bewährt. Angeblich wurde sie bereits um das Jahr 500 v. Chr. vom griechischen Dichter und Redner Simonides von Keos erfunden. »Aus manchen Texten aus dem Mittelalter geht hervor, dass damals Gedächtnistechniken in der Ausbildung junger Geistlicher eine große Rolle gespielt haben. So wurde den angehenden Priestern und Mönchen empfohlen, zum Ende der Ausbildung 10.000 Wegpunkte zu haben. Allerdings hielt man zugleich kreative und absurde Bilder für gefährliches Teufelszeug. Daher sollten die Routen alle in Kirchen und Klöstern liegen.«
Sogar autobiografische Inhalte lassen sich mit Routen gespeichert werden. Manche Lebenswege passen eher ins Kloster zu Harrods oder in einen Palast.