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Kompetenzansatz

Es macht keinen Spaß, über Probleme zu sprechen. Fähigkeiten sind offensichtlich ein erfreulicheres Gesprächsthema: Nicht nur Fähigkeiten, die man bereits beherrscht, sondern auch solche, die erworben werden sollen. Diese Beobachtung wurde in einem Kindergarten in Helsinki von den Sonderpädagoginnen Sirpa Birn und Tuija Terävä und dem Familientherapeuten Ben Furman aufgegriffen. Sie ermutigen, über den Tellerrand des Problems hinauszusehen und gemeinsam zu überlegen, was ein Kind erlernen kann, um eine Lösung zu finden. Das Kind und seine Familie werden aktiv beteiligt

Ben Furman nennt mehrere Vorteile dieses Ansatzes: »Erstens vermittelt diese Denkweise eine hoffnungsvolle Haltung. Wir alle assoziieren Fähigkeiten mit ›Lernen‹ –  dieses Wort erzeugt per se eine gewisse Zuversicht.« Außerdem sei die Kooperationsbereitschaft höher, wenn vergangene und zukünftige Erfolge thematisiert werden. Auch im Gespräch mit Erwachsenen lasse sich die Aufmerksamkeit von Erklärungen für das problematische Verhalten auf das Üben neuer Fähigkeiten lenken.

Ein Problem in eine Fähigkeit umzuwandeln, ist nicht immer einfach, sondern erfordert Kreativität. »Die Prämisse lautet, dass es unabhängig von der Schwäche des Kindes immer eine Stärke zu entdecken gibt, deren Beherrschung das Problem beseitigt oder zumindest abschwächt.« Um herauszufinden, welche Fähigkeit für das Kind relevant ist, sei es nötig, mit ihm zu sprechen. Auch die betreuenden Erwachsenen haben häufig Ideen, wie das Kind in schwierigen Situationen besser reagieren könnte.

Es gehe nicht darum, ein unerwünschtes Verhalten abzustellen, sondern etwas Erwünschtes zu lernen. Ben Furman erklärt das so: »Manchmal, wenn ich vor Eltern einen Vortrag über das Fähigkeitsdenken halte, behaupte ich mit einem Augenzwinkern: ›Wussten Sie eigentlich, dass es im Hörnerv von Kindern – dem Nerv, der die Nervenimpulse vom Ohr zum Gehirn leitet – einen Filter gibt? Dieser Filter entfernt Wörter wie ›nicht‹ und ›kein‹ ganz ausnahmslos aus den gehörten Sätzen. Wenn Sie zu Ihrem Sohn sagen: ›Daniel, ich sage dir noch mal: Schrei mich nicht an‹, hört Daniel Sie sagen: ›Daniel, ich sage dir noch mal: Schrei mich an.‹

Ihr Gehirn sei noch nicht reif genug, um Anweisungen zum Unterlassen zu verstehen, wenn diese keinen Hinweis darauf enthalten, was sie stattdessen tun sollen, beispielsweise: »Sprich leise!« Es geht also darum, das Gegenteil des Problems zu finden. Häufig werden für die Beschreibung Wörter verwendet, die ebenso negativ wie pauschal sind. Damit liefern sie eher eine Erklärung für die Ursachen. Wird dagegen ein konkretes Verhalten benannt, ist es leichter, das Gegenteil zu finden.