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Vorstellungsvermögen

Wo liegt der Schlüssel? Und der Geldbeutel? Verlegte Gegenstände wirken wie Symptome der Vergesslichkeit. Dabei haben sie gar nichts mit dem Gedächtnis zu tun, sondern mit der Aufmerksamkeit. Solche Alltagsgegenstände werden oft so beiläufig abgelegt, dass die Besitzer*innen den Ort gar nicht vergessen können, weil sie ihn nie bewusst wahrgenommen haben.

Der Gedächtnisweltmeister und Hirnforscher Boris Nikolai Konrad schreibt: »Häufig höre ich die Behauptung: ›Mein Gedächtnis ist echt schlecht!‹ Dann frage ich manchmal: ›Welches Gedächtnis denn genau?‹ Wir haben nämlich nicht ein Gedächtnis, wir haben mehrere Gedächtnisse. Welche kennen Sie? Am häufigsten höre ich auf diese Frage die Antwort: Kurzzeitgedächtnis, Langzeitgedächtnis, Namensgedächtnis und das ›Gedächtnis für nutzlose Informationen.‹ Letzteres scheint bei den meisten nach eigener Auskunft auffallend gut zu sein. Wissenschaftler haben natürlich eine etwas andere Einteilung.«

Der britische Psychologe Alan Baddeley unterteilt das Arbeitsgedächtnis in vier Komponenten:

der visuell-räumliche Notizblock für die Verarbeitung visueller Informationen,
die phonologische Schleife für auditive Reize und Sprache,
der episodische Puffer, der kurze Episoden mit zeitlichem Verlauf speichert und
die zentrale Exekutive, die die Aufmerksamkeit lenkt

Das Arbeitsgedächtnis lässt sich also mit einem Türsteher fürs Langzeitgedächtnis vergleichen. Neue Informationen werden leichter abgespeichert, wenn schon viel Wissen zu dem jeweiligen Thema existiert. Boris Nikolai Konrad erklärt das an einem Beispiel: »Wer schon viel über Dinosaurier weiß, der muss von einer neu entdeckten Art nur kurz etwas lesen und wird sich fast alles zu diesem Exemplar merken können – ohne Mühe.« Doch im Alltag geht es nur selten um Dinosaurier, sondern um austauschbare Fakten: »Ein Name, ein Passwort, wichtige Fakten oder Versammlungsprotokoll aktivieren von sich aus sehr wenig im Langzeitgedächtnis. Umso schwieriger wird es für das Arbeitsgedächtnis, es läuft voll und wir fühlen uns dann überfordert und gestresst.«

Stress wiederum verschlechtert das Gedächtnis, so dass ein Teufelskreis entsteht. Dagegen hilft das, was auch hilft, den Schlüssel und den Geldbeutel ohne Suchen zu finden: »Was bei Ihnen zu Hause immer am gleichen Ort steht, das brauchen Sie nicht zu suchen. Eine eingängige, übersichtliche Struktur können Sie auch für Ihr Gedächtnis kreieren. Sie wissen dann immer, wo in Ihrem Kopf die gesuchten Inhalte zu finden sind.«

Das Gedächtnis ist besonders gut darin, sich Emotionen, Erlebnisse, Geschichten und Bilder zu merken. »Leider ist ein Passwort keine emotionale Erfahrung, die To-do-Liste keine aufregende Geschichte. Aber das können sie werden.« Dafür ist das Vorstellungsvermögen gefragt.