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selektives Gedächtnis

Das menschliche Gehirn erfüllt eine schwierige Aufgabe: Während es kontinuierlich Sinneseindrücke verarbeitet, speichert es gleichzeitig Erinnerungen ab und hält sie abrufbereit. Das betrifft Fragen wie »Wohin habe ich meinen Schlüssel gelegt?« ebenso wie die persönliche Lebensgeschichte.

Da diese enorme Leistung nicht bewusst abläuft, entsteht der Eindruck, das Gedächtnis funktioniere nicht gut. Dabei wird das Gehirn wie eine Einheit betrachtet, statt die unterschiedlichen Gedächtnissysteme zu berücksichtigen: das Arbeitsgedächtnis, das implizite und das explizite Gedächtnis. Diese Systeme arbeiten nicht isoliert nebeneinander, sondern spielen gerade bei komplexen Fähigkeiten zusammen: Für die Sprache benötigen wir neben der Bewegungskoordination von Stimm- und Atemmuskulatur auch das explizite Gedächtnis, das die Bedeutung der Wörter gespeichert hat.

Das Arbeitsgedächtnis benötigen wir, um uns beim Rechnen Zwischensummen zu merken oder uns am Ende eines Satzes daran zu erinnern, wie er anfing. Mit seiner begrenzten Kapazität bildet es das Nadelöhr der Gedächtnisleistung. Beim Lesen wird das Arbeitsgedächtnis ständig trainiert, denn es erfordert das Konzentrieren auf die Personen, Orte und Zusammenhänge einer Geschichte.

Im impliziten Gedächtnis sind Bewegungsabläufe, Wahrnehmungen und unbewusste Erinnerungen gespeichert. Das explizite Gedächtnis behält, was sich mit Worten ausdrücken lässt wie Faktenwissen und autobiographische Erlebnisse.

Diese Inhalte sind in der Großhirnrinde abgespeichert, und der Neurobiologe Martin Korte räumt die Befürchtung aus, dass irgendwann der Speicherplatz nicht mehr ausreicht. »Was die Menge der Erinnerungen betrifft, die wir abspeichern können, macht die Großhirnrinde ihrem Namen alle Ehre: Ernst zu nehmende Berechnungen deuten darauf hin, dass Menschen in ihrem Langzeitgedächtnis den Speicherinhalt von zwei Millionen CDs (ca. 1,4 Pentabyte) ablegen können.« Deshalb sei die Sorge unbegründet, das Gedächtnis zu überfordern. »Im Gegenteil, wer sich viel beibringt, hat es leichter, Assoziationen zu neuem Wissen herzustellen und dieses dann umso sicherer abzuspeichern bzw. abzurufen. Er baut sogar kognitive Ressourcen auf. Wer bereits viel weiß, lernt leichter und schneller Neues.«

Auch die Gefühle beim Lernen spielen eine Rolle. »Ein Mensch, der gerne lernt, lernt auch leichter. Denn positive wie negative Gefühle üben einen maßgeblichen Einfluss auf das Gedächtnis aus.« Eine positive Einstellung zum Lernen trägt dazu bei, dass das Gelernte gespeichert wird. »Geschieht Lernen unter Zwang und mit Widerwillen statt spielerisch der eigenen Neugierde folgend, speichern wir die Lernsituationen als negativ ab. Dies erschwert nicht nur den Umgang mit neuen Informationen, sondern führt auch dazu, dass neue Informationen in negativ besetzten Situationen schlechter abgespeichert werden.«

Doch ebenso wichtig wie das Abspeichern ist das Abrufen. Die Gedächtnisforscherin Elisabeth Loftus untersuchte das Erinnern zwei Wochen nach einer Konferenz der Cambridge Psychological Society: Die Teilnehmenden sollten aufschreiben, was sie von der Konferenz erinnerten. »Diese Erinnungen wurden verglichen mit minutiösen Mitschnitten der Tagung. Wie Loftus herausfand, erinnerten die Teilnehmer im Schnitt nicht mal 8% des Programms – nur zwei Wochen nach der Konferenz waren also 92% ihrer Inhalte schon dem Vergessen anheimgefallen. Noch markanter war, dass von diesen mickrigen 8%, die die Teilnehmer behalten hatten, nur 50% teilweise richtige oder gänzlich richtige Erinnerungen waren. Die anderen 50% der ›erinnerten‹ Ereignisse wurden erfunden, an andere Orte oder Begebenheiten verlegt oder falsch zusammenkonstruiert. Und dies alles bei jungen, geistig leistungsfähigen Forschern.«

Laut Martin Korte versuche das Gedächtnis gar nicht erst, dauerhaft und exakt abzuspeichern, was wir erlebt und erfahren haben. »Wir speichern keine wertfreien Schnappschüsse unserer Erlebnisse, sondern vor allem die Gefühle, Empfindungen und Bedeutungen, die uns diese Episoden vermitteln. Unser Gedächtnis ist zwar viel besser, als wir gemeinhin glauben, und Verzerrungen der übleren Art kommen nur selten vor, aber wenn es geschieht, erschüttert es uns in unseren Grundfesten. Wenn wir unseren eigenen Erinnerungen schon nicht mehr trauen können, was bleibt dann noch?«

Um sich in der Welt zurechtzufinden, ist neben einem guten Gedächtnis auch die Fähigkeit hilfreich, eine Auswahl zu treffen und Unwichtiges zu vergessen und auszusortieren. »Ohne eine selektive Sinnesverarbeitung, ohne eine selektive Aufmerksamkeit, aber auch ohne ein selektives Gedächtnis, das wir oft als schlecht bezeichnen, ist niemand imstande, aus der Flut von Informationen, mit der wir ständig konfrontiert sind, einen Sinn zu erschließen. Vergessen ist keine Fehlentwicklung unseres Gedächtnisses, sondern ein integraler Bestandteil.«